Stubaital: Respekt vor Macht der Natur

025 Bergwandern im Stubaital
Nach gefährlichem Abstieg aus 2400 Metern in Füssen im Trockenen (v.l.): Mein Zimmerkollege Axel, ich, Marco und Michl. FOTO: KELLNERIN

Von langer Hand geplant, war ich von Mittwoch bis Samstag mit drei Freunden nach sicher zehn Jahren Abstinenz im Stubaital Bergwandern. Was bei herrlichstem Sonnenschein und mehr als 30 Grad begann, endete bereits am Freitag mit einem fluchtartigen Abstieg von der Bremer Hütte aus 2400 Meter Höhe bei strömendem Regen. Als wir drei Stunden später im Tal waren, fiel bereits Schnee auf bis zu 1600 Höhenmeter herab.

Hatte ich am ersten Tag beim Aufstieg zur Innsbrucker Hütte noch die Majestät der Alpen erlebt, hieß es bereits bei der Ankunft, wir sollten am nächsten Tag früh los, weil ab 15 Uhr Gewitter und der Wetterumschwung erfolgen sollten. So begaben wir uns am Donnerstag gegen 7.45 Uhr auf den mit sieben Stunden Gehzeit veranschlagten Höhenweg.

Längst im Bergwandern ungeübt, etliche Kilo schwerer als noch vor einigen Jahren und vor allem von meiner Schreibtisch- und Coaching-Tätigkeit körperlich untrainiert, war ich am Ziel gegen 14 Uhr tatsächlich physisch an meiner Grenze. Das Wetter hatte bereits eingetrübt, nach und nach trafen die anderen Wanderer ein, die wir überholt hatten, und die Wirtin beschwor, dass es am nächsten Tag schneie und an ein Weiterwandern nicht zu denken sei.

So packten wir in der Stube die Skatkarten aus, tranken Bier und wenig später begann es tatsächlich wie aus Kübeln zu regnen. Dieser Dauerregen hielt die ganze Nacht an und begleitete auch unseren Abstieg am nächsten morgen. Mehrfach rutschten wir auf den nassen Steinen, Felsen und Gräsern aus, strauchelten und fielen hart zu Boden, wovon später im Hotel in Füssen viele Blessuren zeugten.

Nach drei Stunden und psychisch wie physisch am Limit, kamen wir völlig durchnässt in einem Nebental an und buchten ein Taxi, das uns die 60 Kilometer zurück ins Stubaital zu unserem Auto brachte. Auch der Fahrer sprach vom Klimawandel und der Gefährlichkeit der Lage. Denn  die Bäche waren zu reißenden Flüssen angeschwollen, die kaum mehr in ihre Bachläufe passten, und ringsum ragten Moränenzungen über die mit Kühen besetzten Wiesen bis knapp vor die Straße.

Mich haben die drei Tage mehrfach beeindruckt: Aus meiner kopflastigen Zivilisation heraus war mir die ungefilterte Wahrnehmung der majestätisch-brachialen Natur wichtig, die nach archaischen Regeln spielt. Dazu gehört, dass offenbar mittwochs auf unserer Etappe eine Deutsche an einem Klettersteig  (tötlich) abgestürzt war.

Daneben hat mir die Reduktion auf meinen Körper gut getan, der in diesem Umfeld schlicht funktionieren und eine klar definierte Leistung abrufen musste. All mein intellektuelles Gequatsche hätte mir in diesen Situationen nicht weiter geholfen. Und dass ich noch jetzt den Muskelkater in den Oberschenkeln so massiv spüre, zeugt von der Grenzerfahrung.

Und schließlich sind da die drei Männer, mit denen ich diese kostbaren Tage geteilt habe. Alle drei körperlich fitter (und jünger), spürten auch sie die Herausforderung und doch blieben wir stets freundschaftlich, solidarisch und meist humorvoll. Wobei ich zweimal Situationen hatte, in denen mir das Lachen gründlich vergangen war und ich keine Reserven mehr gehabt hätte, anderen zu helfen.

Mit meinem Freund Michl Frey, den ich seit meiner Internatszeit 1976 kenne, hatte ich vor 20 Jahren die ersten Touren gemacht. Er hatte daraus seit 15 Jahren mit Kumpels eine Tradition gemacht, der ich mich nun wieder angeschlossen habe. Denn auch 2018 soll es in den Sommerferien wieder einen viertägigen Alpen-Trip geben. Mein Sohn Konrad zeigt schon Interesse, dann dabei zu sein. Und die beiden Männer, die ich jetzt kennengelernt habe, zeigen Interesse an mir und meiner Coaching-Arbeit.

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Energiewende ist möglich – wenn wir wollen

024 Prof. Alexander Sauer
Fordert ein dreifach größeres Engagement, Energie effizienter zu nutzen und regenerativ zu erzeugen: Der Stuttgarter Professor Alexander Sauer. FOTO: EEP

Der Zubau der Erneuerbarer ist ordentlich, doch kommt der Netzausbau nicht nach, sagt Alexander Sauer. Laut dem Leiter des Instituts für Energieeffizienz in der Produktion (EEP) an der Universität Stuttgart sind in Norddeutschland aktuell 14 Prozent der Erneuerbaren abgeriegelt, weil das Netz ihren Strom nicht aufnehmen kann.

Mit dem promovierten Ingenieur und Diplom-Kaufmann, der von 2006 bis 2010 Mitglied der Geschäftsleitung der Hoerbiger Automotive Komfortsysteme GmbH war, habe ich jüngst ein Interview geführt. Demnach verbraucht die Industrie 60 Prozent allen Stroms und deckt wiederum weniger als die Hälfte ihres Bedarfs damit. Wenn also auch Kohle, Öl und Gas bis 2040 durch Regenerative ersetzt werden sollen und die e-Mobilität dazu kommt, zeige das, wie viel grünen Strom wir brauchen.

Sauer folgert daraus, dass wir unsere Anstrengungen, die Energieeffizienz zu steigern,  verdoppeln und verdreifachen müssen. Die Firmen seien gefordert, die Netzbetreiber und die Stadtwerke, zumal die Themen ÖPNV und Wasserwirtschaft auch in diesen Bereich hineinspielen. Für Investitionsentscheidungen bräuchen aber alle mehr Rechtssicherheit, so der 41-Jährige.

Aktuell hätten wir mehr als 600 Paragraphen, die diesen Bereich regeln und sich teils gegenseitig widersprechen. Die Politik müsse weniger kleinteilige Gesetze erlassen und stärker den Korridor definieren, um die großen Ziele Klimaschutz und CO2-Reduktion zu erreichen. „Wir müssen nicht nur sämtliche Energie regenerativ produzieren, sondern auch deren Verbrauch massiv senken und diesen Prozess verstetigen“, sagt der zweifache Vater, der mehrfach zwischen Industrie und Lehre gewechselt hat.

Es komme wohl vor, dass etwa Montagebänder rund um die Uhr laufen, obwohl dort nicht montiert werde. Das sei Verschwendung, stabilisiere aber das Stromnetz und werde deshalb bonifiziert, damit es günstiger als Abschalten sei. Bislang seien Maschinen ohnehin nicht dafür konstruiert, dass man ihr Abschalten mit bedenkt oder ihren Verbrauch. Das ändere sich aktuell. Zumindest dort, wo Energiekosten relevant sind oder strategisch im Fokus stehen. Auch Dauerbetrieb erhöhe im Einzelfall den Verschleiß von Bauteilen.

In der Energieeffizienz machten Politik und Wirtschaft maximal ein Drittel dessen, was notwendig sei: So verpufften in der Abwärme unter 100 Grad sicher noch 90 Prozent, weil nicht in Prozessen und Systemen gedacht werde und zudem die Lösungen weitgehend unbekannt seien. „So entstehen für Effizienztechnologien keine hohen Stückzahlen, die die Preise deutlich reduzieren würden,“ argumentiert der Kaufmann.

Sauer fordert: „Wir müssten längst beim Planen, Bauen und Sanieren die Themen viel übergreifender behandeln, wie das Firmen mit Energiemanager zunehmend tun.“ Auch regionale Quartierlösungen seien sinnvoll. Es brauche mehr Intelligenz im Umgang mit Energie, der etwa mit den europäischen Emissionszertifikaten verfolgt worden sei.

Denn Rohstoffe unterliegen Weltmarktpreisen, die Faktoren Umwelt und Arbeit aber nicht. Besser wäre ein Zertifikate-System auf Ebene der G20-Staaten, wenn nicht sogar weltweit, fordert der Professor. Im Sinne der Energieeffizienz würden Zertifikate vermutlich erst ab 35 Euro je Tonne CO2 wirken. Aktuell liegt der Preis aber bei fünf bis sechs Euro. Denn solange das System nur EU-weit gilt, verlagerten die Unternehmen ihre CO2-intensive Produktion ins EU-externe Ausland.

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Der-Medienberater.de: Wir wachsen weiter

Nachdem es neben dem Medienberater, der seit Juni auch Film und Graphik inhouse anbietet, in Kürze den Bereich Coaching als eigenes Feld und mit eigener Homepage bei uns geben wird, wollen wir die Aufgaben unseres 2015 gestarteten Online-Magazins die-Pflegebibel.de neu organisieren. Damit wird intern ein Mitarbeiter frei, der dann voll umfänglich unserer Kommunikationsagentur und damit unseren Kunden dienen kann.

Für das Online-Magazin suchen wir deshalb u.a. auf unserer eigenen Site eine Free Lancerin, die das Magazin nebenbei betreut und ihrerseits bspw. freie Journalisten sucht bzw. von uns vermittelt bekommt. Bei Interesse und Eignung kann diejenige daraus mittelfristig ihr eigenes Business kreieren.

Sehr gerne sind wir dann mit unserem Know-how, unseren Kontakten und unserem Coaching im Hintergrund dabei, damit das Online-Magazin ein Erfolg bleibt. Denn ohnehin sind wir alle im Verbund stärker. Deshalb meine Bitte: Leitet den Link gerne weiter oder sprecht geeignete Personen auf die Herausforderung an.

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Hartmann-exact: Bundespolitik trifft auf Mittelstand

mit Joachim Pfeiffer und Rainer Wieland
Hatten sich viel zu sagen: Harald Schöpp (v.l.), Jürgen Hofele, Joachim Pfeiffer, Dirk Müller und Rainer Wieland. FOTO: Hartmann

Mit den rumänischen und tschechischen EU-Abgeordneten an den Standorten der Swoboda Hartmann Gruppe in Osteuropa bringt Rainer Wieland die Geschäftsführer der Hartmann-exact KG in Schorndorf gerne zusammen. Mit dem CDU-Bundestagskandidaten Joachim Pfeiffer war der Vize-Präsident des EU-Parlaments heute gut eine Stunde bei dem Automobilzulieferer zu Besuch.

Im Wahlkampf hat Pfeiffer, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, dank meiner Vermittlung Station bei dem Sensorik-Spezialisten gemacht, der mit 210 Mitarbeitern und 80 Millionen Euro Umsatz ein typischer Mittelständler ist. Spannend sind die Schornbacher für die Politik, weil sie aktuell für vier Millionen Euro bauen und bis 2020 gut 80 weitere Ingenieure beschäftigen wollen. Der Grund: Vom Trend zu Fahrerassistenzsystemen und E-Mobilität kann der Technologieführer profitieren.

Kein Wunder, tauschte das Politiker-Duo mit den Geschäftsführern Dirk Müller und Jürgen Hofele sowie Entwicklungsleiter Harald Schöpp verkehrspolitische wie automobiltechnische Sichtweisen aus. Pfeiffer gab die Tipps, das Kompetenznetzwerk Mechatronik des Landes in Göppingen zu kontaktieren und Anträge beim ZIM zu stellen, einem Förderprojekt des Bundes für den Mittelstand, das neue Technologien mit jährlich 600 Millionen Euro bezuschusst.

Einig war sich das Quintett, auch nach dem Bundestagswahlkampf im Kontakt zu bleiben und sich jeweils über das Fachgebiet des anderen, politische Willensbildung und technologische Standards, auszutauschen. Auch gemeinsame Veranstaltungen im künftigen Neubau zu technologischen Entwicklungen, Strategien gegen Fachkräftemangel oder zur Relevanz Europas wurden angedacht.

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Leben im Zeitalter der Fake-News

Jugendliche haben immer weniger Gewissheit, dass sie in ihrem Umfeld die Werte finden, die sie suchen. Das sei eine Katastrophe, sagt der Wiener Jugend- und Medienforscher Bernhard Heinzlmaier. Das Mitglied des deutschen Vereins Jugendkulturforschung glaubt, dass seriöse Medien vor diesem Hintergrund einen wichtigen (Bildungs-)Auftrag für junge Menschen leisten können und müssen.

Denn im Social Media-Zeitalter ist das Medium wichtiger geworden als der Inhalt und damit die Überprüfbarkeit. So höre ich heute oft den Satz, „ich habe auf Facebook gelesen“ oder auf Instagram, aber nicht mehr die eigentliche Quelle, die eben das Spiegel-Magazin gewesen sein kann oder ein Interessen-getriebener Blogger.

Ohnehin hat es eine gigantische Verschiebung vom Schriftlichen zum Visuellen gegeben. Nicht mehr die harten Fakten meiner komplexen Recherche sind wichtig, sondern die Fastfood-konforme Verpackung auf Youtube oder Instragram, die primär in bunten Bildern kommunizieren. Emotion ist dort wichtiger als Fakten. Donald Trump hat das in seinem US-Wahlkampf exzellent berücksichtigt.

Längst sind das Aussehen eines Politikers oder seine VIP-Bekanntschaften wichtiger als seine politischen Inhalte. Denn für Ersteres genügt Oberflächlichkeit, für Letzteres braucht es Allgemeinbildung und Belesenheit: Man muss Fakten durchdringen, Argumente nachvollziehen und prüfen können. Mangels Training gehen aber diese kognitiven Fähigkeiten massiv verloren, was jeder Lehrer bestätigt.

Und angesichts der Informationsflut macht sich immer seltener überhaupt noch jemand die Mühe, etwas zu prüfen. So kann geflunkert und gelogen werden auf „Teufel komm‘ raus.“ Auch im Privaten wird die Kommunikation immer postfaktischer. Es kommt nicht mehr auf die Wahrheit an, sondern die Wirkung, weshalb auch hier geblufft und gefakt wird. Die Tragik besteht darin, dass junge Leute keine Orientierung mehr bekommen.

Jugendforscher Heinzlmaier spricht von „moralischer Verzweiflung“, die in Zynismus und Ironie führt. Weil sich aber im Alter von 14 bis 17 Jahren die Persönlichkeit ausgestaltet, muss deren Gelingen scheitern: Das Recht des Stärkeren scheint zu gelten und alle Mittel sind erlaubt. Dass „Realität“ aber nur ein Konstrukt unserer eigenen Wahrnehmung ist, habe ich in meiner gestalttherapeutischen Ausbildung gelernt.

Im Kern ist es unser Wirtschaftsliberalismus, der alles und jeden auf seine Verwertbarkeit und Imagetauglichkeit reduziert. Die Folge: Es hat noch nie so viele Psychotherapeuten und Kommunikationstrainer gegeben, die sich mit ego-gestörten Menschen beschäftigen, deren Gedanken nur um die eigene Wirkung und das eigene Ich kreisen.

Das Abenteuer liegt aber nicht im Außen meines Selbst, in Besitz, Titeln, Urlauben oder Prestige, sondern das Abenteuer bin ich selbst und es schlummert tief in mir drinnen. Alles im Außen ist verwert- und manipulierbar, ist der Schein, das Bild, die Oberfläche – aber nicht die Realität. U.a. deshalb mache ich (ehrenamtlich) Männerarbeit bei MKP und Beziehungsarbeit in anderen Formaten.

Die sozialen Medien aber, so der 57-jährige Heinzlmaier, sind Simulationsmaschinen und in der Arbeitswelt bspw. gehe es nicht mehr um Leistung, sondern um das Präsentieren der eigenen vermeintlichen Leistung. Dieses Spiel funktioniere aber nur in Freiheit und Wohlstand, so der Geisteswissenschaftler. Parteien wie die AfD, die FPÖ, der Front National; Wirtschaftskrisen wie in Griechenland, Afrika oder Südamerika und schwere Krankheiten seien dagegen die Realität. Da wird gelebt, gelitten und gestorben.

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Bahnsperrung löst Odyssee aus und Solidarität

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Sympathische Mitbürger: Seit Basel waren wir „Leidensgenossen“ und haben das Beste daraus gemacht. Meine These von der Schwarmintelligenz, die zum Überleben kooperiert statt gegeneinander zu kämpfen, sehe ich bestätigt. FOTO: FREMDE FRAU

In den deutschen Medien war es gestern nur eine lapidare Meldung: Wegen Gleisabsenkung bei Rastatt, die sich am Samstag gegen 11.30 Uhr bei Tunnelarbeiten darunter ereignet hatte, ist der Zugverkehr auf der Rheintalschiene bis mindestens Samstag gesperrt. Tatsächlich waren davon aber tausende Reisende betroffen, die dadurch ein Abenteuer erlebten. Darunter auch ich, der ich auf der Rückkehr aus der Schweiz von einer Geburtstagsfeier in Fribourg war. Hier mein Erfahrungsbericht.

Noch in der Nacht auf Sonntag fahren wir wie geplant mit Verwandten von Fribourg nach Olten, wo wir bei diesen übernachten, um am Morgen den ICE von Interlaken nach Berlin um 11.30 Uhr zu besteigen, um diesen bis Karlsruhe zu benutzen. Auch die Digitalanzeige am Bahnhof zeigt den Zug so an und bis Basel verläuft alles regulär. Viele Sitze sind sogar als reserviert nach Norddeutschland ausgewiesen.

Die Odyssee beginnt, als der Zug wieder rollt und die Durchsage erfolgt, die Fahrt führe nach Interlaken. Unruhe bricht im Zug aus, während manche die Durchsage noch für ein Versehen halten. Als dutzende Reisende aufbegehren, werden die Schweizer unsicher, die tatsächlich Richtung Interlaken reisen wollen und fühlen sich erst bestätigt, als auch die Landschaft draußen eindeutig den Weg weist.

Nun erfolgt die Durchsage, Reisende Richtung Deutschland sollten am nächsten Halt aussteigen und die nächste S-Bahn zurück nach Basel nehmen. Auf dem Bahnsteig wird deutlich, dass rund 100 Personen diesem Irrtum aufgessenen sind und entsprechend überrascht sind die Einheimischen in der kurzen S-Bahn als wir alle, teils mit großen Reisekoffern und schweren Rucksäcken, die Tram entern, die an jeder Milchkanne zu halten scheint.

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Bustransfer von Baden-Baden nach Rastatt: Gute Organisation und disziplinierte Menschen nehmen der Krise ihre Vehemenz. FOTO: FROMM

Bereits hier beginnen erste Solidarisierungsgespräche, wohin man müsse, woher man komme und was man schon alles auf Bahnreisen erlebt hat. Noch glauben alle, in Basel schlicht den nächsten Zug nehmen zu können und doch noch den Flug ab Frankfurt am späten Nachmittag oder die Ankunft am Abend in Berlin zu schaffen. Zurück in Basel spitzt sich die Lager aber zu: Alle Hinweistafeln informieren, dass die Rheintalstrecke bis 19.08. gesperrt sei und sämtliche Züge ausfallen. Alternativen werden nicht genannt.

Immerhin steht Servicepersonal in gelben Jacken bereit, das fragt, wohin mal will und erstmals die Ursache für das Chaos nennt. Der Mann vom Service, offenbar ein DB-Mitarbeiter, empfiehlt, die Regionalbahn nach Schaffhausen zu nehmen, was wir zusammen mit rund 70 weiteren Personen tun. Zwar warnt dessen Zugbegleiter, von dort komme man auch nicht nach Deutschland weiter, doch wir schenken dem ersten Mann mehr Glauben, zumal ein Schweizer in seinem Smartphone eine Verbindung über Winterthur googelt, die ginge.

Nun kommt wieder der Zugbegleiter mit der ultimativen Nachricht via Funk, Bahnreisende nach Deutschland sollten im nächsten Ort erneut aussteigen und die nächste Tram zurück nach Basel nehmen. Erste Reisende werden panisch oder aggressiv, andere wirken deeskalierend auf das Kollektiv ein. Bei der Bahninfo in Basel sind wir nun eine Gruppe von rund 30 Reisenden, die sich ab jetzt koordinieren.

Die Frauen und die meisten Männer bleiben beim Gepäck, während ein Mann aus Westfalen und ich uns am Serviceschalter kundig machen wollen. Dort muss man aber eine Nummer ziehen und sicher 25 Minuten warten, ob der Nachfrage, darunter auch viele Schweizer. Unter dessen „erarbeiten“ viele Jüngere an ihren Handys Alternativen, während die Älteren ihre Söhne oder Töchter in Bern oder Braunschweig anrufen, die nun via heimischem PC zu helfen versuchen.

Die ersten Rentner verlassen unsere Gruppe, um wieder an ihren Ausgangspunkt zurückzukehren, um bei Angehörigen in der Schweiz noch einmal zu übernachten. Andere sondieren Möglichkeiten, per Flugzeug „raus zu kommen“. Wieder andere werden per Auto abgeholt, buchen den Flixbus oder fahren per Anhalter. Wir buchen nun zu zehnt ein Großraum- und ein normales Taxi, um auf die deutsche Seite des Baseler Bahnhofs zu gelangen.

Dort treffen immer mehr Menschen ein. Im kleinen Shop werden Hamstereinkäufe getätigt, auf den Toiletten Wasserflaschen gefüllt und am Gleis, auf dem ein IC mit mächtig Verspätung erwartet wird, der uns bis nach Baden-Baden  bringen soll, diskutieren entnervte Fahrgäste mit Zugbegleitern und Servicekräften über die „Unfähigkeit der Bahn“ und einiges mehr. Mir tun die Bediensteten leid, weil sie nichts für die Vorkommnisse können und sich den Kunden stellen.

Doch leider treffen sie nicht den richtigen Ton. Statt die Probleme zu bedauern, rechtfertigen sie ihren Arbeitgeber. Das ist zwar sympathisch und die Argumentation logisch, in diesem Kontext aber nicht hilfreich. Als ich unterstützend-moderierend eingreifen will, zieht mich meine Frau weg. Und weil auch sie am Limit ist, folge ich ihrem Wunsch. Umso mehr bin ich beeindruckt, wie vertraut wir nun in unserer Zehner-Clique beisammen stehen und uns gegenseitig unterhalten und aufmuntern.

Nun klärt sich für uns, dass ab Rastatt neun Busse die Reisenden aufnehmen und auf der Straße zum Bahnhof in Rastatt bringen, wo es dann per Bahn nach Karlsruhe weitergeht. Die Stimmung hellt sich auf, Kekse werden untereinander geteilt, ich organsiere ein Gruppenfoto und oute mich als Journalist, mein Münsteraner Freund informiert uns, wir dürften nun auch Erster Klasse fahren – was wir im Schutz der Gruppe dann auch tun.

In Baden-Baden löst sich unsere Gruppe auf, weil wir in unterschiedlichen Geschwindigkeiten mit der Masse zu den Bussen laufen. Hier steht nun alle paar Meter Personal, das die Richtung weist. Am Gleis trifft schließlich eine Regionalbahn ein, die rappelvoll mit Reisenden Richtung Freiburg ist. Viele Menschen lächeln sich nun zu, tragen sich gegenseitig Gepäck und vieles mehr. Die Atmosphäre ist weitgehend solidarisch und überall beginnen Fremde, miteinander zu sprechen.

Schließlich erreichen wir in der verbrauchten Waggonluft, in dem sich kein Fenster öffen lässt und alle Toiletten dauerbelegt sind, Karlsruhe. Die Menge schiebt sich auf den Bahnsteigen und wir treffen nochmals Mitreisende, von denen wir uns herzlich verabschieden. Schon hoffen wir, mit drei Stunden Verspätung zuhause anzukommen, als der IC, der uns nach Stuttgart bringen soll, auch nicht kommt.

Nach 20 Minuten Verspätung empfiehlt ein Uniformierter, die Regionalbahn gegenüber zu nehmen, was wieder hunderte tun. Als wir dort sitzen, sehen wir, dass der IC kommt. Zum Wechsel ist es nun zu spät und letztlich ist ohnehin alles egal. Hauptsache heute Nacht im eigenen Bett schlafen. In Vaihingen/Enz bleibt unsere überfüllte Regionalbahn, in der 80 Prozent aller WC defekt sind, länger stehen. Ich kombiniere: Wir wollen den IC passieren lassen, der auch hier hält.

Wir springen aus der Bahn, sehen den IC – und erreichen ihn. Viele Reisende machen diesen Transfer nicht mit. Wir ergattern den IC und nehmen in einem Sechser-Abteil Platz, in dem seit Mainz nur ein dehydriertes, älteres Ehepaar sitzt, das nach Walldürn möchte. Die Luft ist drückend, weil die Klimaanlage nicht geht. Egal, bis Stuttgart sind es 20 Minuten. Dort nehmen wir die nächste S-Bahn und sind kurz vor 20 Uhr zuhause.

Mein Fazit: Ich war den ganzen Tag froh, nicht als Flüchtling von Syrien (über das Mittelmeer) nach Schorndorf zu wollen, sondern nur von einem sicheren Land in ein anderes und das mit genügend Bargeld, Kreditkarte, Handy und deutschem Pass. Und: Ich bin beeindruckt, wie solidarisch sich vom Wohlstand privatisierte Deutsche verhalten, wenn es „eng wird“. Der gestrige Chaos-Tag macht mir Hoffnung für die Zukunft unseres Landes, das sich vermutlich auf noch mehr Komfortverlust einstellen muss.

Und: Da die Rastatter Ursache auf einen Tunnelbau für die Rheintalbahn zurückgeht, bin ich noch mehr verunsichert, ob der Machbarkeitsanspruch, den die S21-Befürworter immer wieder postulieren, gerechtfertigt ist. Mir wurde gestern deutlich: Ich gebe Planbarkeit und Verlässlichkeit den Vorzug vor Schnelligkeit und Komfort. Dankbar bin ich für die Erfahrungen, die ich gestern machen und die Einsichten, die ich gewinnen durfte.

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Reformation: Von der Latein- zur Volksschule

022 Reformationsvortrag
Interessante Einblicke in den Alltag während der Reformation: Prof. Sabine Holtz (r.) referiert auf Einladung von Dr. Andrea Bergler (l.) im Luther-Jahr in Schorndorf über „Geschlechterbeziehungen und Familienbild“.

Martin Luther hat nicht nur die Kirche gespalten, sondern auch das Bild der Familie nachhaltig verändert. Prof. Dr. Sabine Holtz hat im Schorndorfer Martin-Luther-Gemeindehaus die historischen Belege hierfür in einem Vortrag geliefert.

Die Spezialisten für das Reformationszeitalter steigt mit Bildern aus dem 19. Jahrhundert ein, die den Reformator im Kreis seiner Familie in allen möglichen Kontexten zeigen. „Es ging immer darum, das Bild der Ehe zu fördern“, so die Lehrstuhlinhaberin für Landeskunde der Universität Stuttgart. Dass die gebürtige Süßenerin, die auf Einladung von Dr. Andrea Bergler vom Stadtmuseum referiert, auch evangelische Theologin ist, macht ihre Aussagen noch profunder.

So waren die Luther-Darstellungen wichtig, um ihn theologisch gegen Zölibat und Ordensleben, die im Katholizismus weiter gültig waren, abzugrenzen. Als Augustiner-Mönch hatte der spätere Wittenberger Professor die Ehe für sich noch abgelehnt, wie Dokumente belegen. Darin schreibt er über Ehepflichten und Scheidungsgründe.

Laut Holtz drängt die 20-jährige Ordensschwester Katharina von Bora den 42-jährigen Reformator zur Ehe, um – ökonomisch abgesichert – ihr Kloster verlassen zu können. Er wiederum willigte ein, um eine größtmögliche Provokation der alten Ordnung zu erwirken: Die „Vernunftehe“ wurde im Juli 1525 vollzogen und war damit längst nicht die Erste eines vormals katholischen Klerikers.

Ein Jahr später kam Sohn Hans zur Welt und binnen acht Jahren weitere fünf Kinder, von denen zwei früh starben. Da aber Luther nie Pfarrer war, sondern eben als Professor lehrte, kann er gar nicht den klassischen, protestantischen Pfarrhaushalt begründet haben, so die Referentin. Theologisch verändert sich die Ehe vom sakralen Akt, der nach der Priesterweihe kommt, zum christlichen Ideal, das im Protestantismus Weltbild-prägend wird.

Die Frau gehorcht dem Mann und er liebt seine Frau. Dasselbe Verhältnis gilt zwischen Untertan und Fürst sowie dem Menschen und Gott. Zugleich gibt es keine Hierarchie mehr zwischen asketischem Priester und weltlichem Ehemann, zwischen Gebet und Arbeit – alle und alles sind gleichwertig. Dagegen betont das Konzil von Trient als Reflex den Primat des Zölibats, schafft die Scheidung ab und professionalisiert die Priesterausbildung, die ab nun fundierte Lateinkenntnisse und ein Theologiestudium brauchen. Ein Feld, auf dem sich die Jesuiten profilieren.

Bereits 1524 appelliert Luther, in Schulen statt in Stadtmauern zu investieren und widmet die Lateinschulen für die Söhne höherer Stände in eine gemischte Primärschule um, die auf Deutsch gleichermaßen Jungen und Mädchen unterrichtet. Während in der Folge in jeder Pfarrei eine Dorfschule entsteht und in der Familie der Vater auch die religiöse Erziehung verantwortet, übernimmt bei den Katholiken der Pfarrer die Bildung.

1538 wird auch die Lateinschule in Schorndorf in eine „Volksschule“ umgewidmet. Bei der Heirat, so die Professorin, waren zu Luthers Zeit die Menschen 25 bis 28 Jahre alt und eben „keine halben Kinder“. Die allgemeine Ehe galt auch dem Ziel, Unzucht zu eliminieren. Dass dies gelingt, belegen Erhebungen, wonach nur gut ein Prozent der Bevölkerung unehelich geboren war. Allerdings waren auch Maßnahmen der Verhütung bis zur Abtreibung bekannt.

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Lalulaila macht Laune auf mehr Multikulti

Bevor ich ins Wochenende gehe, möchte ich meine Leser noch mit diesem Video erfreuen. Produziert haben es Kinder, von denen keines vor zwei Jahren auch nur ein Wort deutsch konnte. Meine Freundin Renate Schäfer-Pietig, die an dieser Münchner Grund- und Förderschule Rektorin ist, hat mir schon einige Male erzählt, wie schwierig und aufwändig es ist, in diesen Klassen zu unterrichten.

Umso erfreulicher ist es, welche grandiosen Ergebnisse Lehrerinnen an deutschen Schulen hinbekommen, wenn sie mit Engagement, Leidenschaft und letztlich Liebe für die ihnen anvertrauten Kinder arbeiten. In den Augen, Texten und der Körpersprache dieser Kinder deren Begeisterung zu sehen, ist mir ein sehr großes Geschenk.

Es geht mir wie Beppo, dem Straßenkehrer, in Michael Endes modernem Märchen „Momo“: Der schaut auch nicht die hunderte Meter lange Straße hoch, wie weit er noch kehren muss, sondern macht Besenstrich für Besenstrich. Und deshalb diskutiere auch ich nicht, ob „wir schaffen das“ realistisch ist oder nicht. Sondern ich packe dort z.B. in Schorndorf mit an, wo man mich braucht und ich etwas beitragen kann.

Dieses Video bestätigt mich erstens darin, dass wir zehntausende in Deutschland sind, die das schaffen; zweitens darin, dass sich jede Mühe lohnt, diesen Kindern eine Zukunft zu geben; und drittens Vielfalt und Multikultur, bei allem, was sie auch Schwieriges mit sich bringen, einfach schön sind und Spaß machen. Liebe Renate, Dir und Deinem Team: Vielen Dank. Und euch, liebe Leser, viel Vergnügen beim Gucken des Videos und mitmischen statt resignieren. Danke.

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Ausbeutung: „Externalisierung kommt nach Hause“

021 Stephan Lessenich
Sein Buch, das vor Ort auslag, war nach dem gut strukturierten Vortrag in der Stadtkirche sehr gefragt: Stephan Lessenich (l.) signiert und beantwortet Rückfragen vieler Besucher. FOTO: FROMM

„Politisieren Sie Ihre eigenen Lebensverhältnisse“, hat Stephan Lessenich seine rund 200 Zuhörer am Sonntagabend in der Schorndorfer Stadtkirche aufgefordert. Dort referierte der aktuell wohl angesagteste Soziologie-Professor Deutschlands in zweimal 30 Minuten über Externalisierung, also die Auslagerung von Kosten, Umweltschäden und Gesundheitsrisiken in den „globalen Süden.“

Denn nur wer politisch fragt, wer oder was ihn zwingt, strukturelles Unrecht unterstützen zu müssen, komme in einen Habitus der Eigenverantwortlichkeit. Der Münchner Autor von „Neben uns die Sintflut“ (Hanser-Verlag) warnt davor, dass es „massive Gegenkräfte gibt, die uns für dumm verkaufen wollen.“ Mit dem Appell „empört euch und fragt nach!“ endete sein strukturierter Vortrag, der mit lang anhaltendem Applaus goutiert wurde.

Nach Schorndorf in das Format „Kirche am Abend“ hatte den Wissenschaftler Pfarrerin Dorothee Eisrich geholt. Diese führte ihn mit alttestamentlichen Versen des Sozial-Propheten Ezechiel (Hesekiel) ein, der das Volk Israel im 6. Jahrhundert vor Christus wegen seines Götzendienstes anprangerte: „Ihr habt Blut an euren Händen“ und „schämt euch“, heißt es da.

„Dem habe ich wenig hinzuzufügen, aber ich bin Soziologe und kein Moraltheologe“, begann daraufhin Lessenich seinen zweiteiligen Vortrag im Rahmen des Gottesdienstes mit Musik und Segen. Am Beispiel der Antibiotika-Produktion im indischen Hyderabad stieg der 52-Jährige steil in sein Thema der Externalisierung ein. Die Medizin, die hierzulande Leben schenke, zerstöre bei seiner Herstellung Leben dort.

Und statt die Ursachen zu bekämpfen, würden Reisende von dort nun gescreent auf multiresistente Keime. „Das Beispiel zeigt mustergültig das Prinzip der Abschottung und der einseitigen Ausbeutung“, so der gebürtige Stuttgarter. „Unsere“ Profite seien Geld, Wohlstand, Demokratie, (Reise-)Freiheit, Gesundheit, sozialer Frieden, unversehrte Umwelt und vieles mehr. „Den anderen“ blieben Armut, Krankheit, Terror, Unterernährung, Dürre, verseuchtes Wasser, Dürren und Diktatur.

„Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die der anderen“, so Lessenichs Kernthese. Und: „Wir produzieren nicht nach uns die Sintflut, sondern längst neben uns.“ Auch hierzulande sei der biologische Fußabdruck der gebildeten Reichen deutlich größer als der der ungebildeten Armen, einfach deshalb, weil erstere mit ihren höheren Einkommen mehr Möglichkeiten haben, Ressourcen zu nutzen, z.B. Fernreisen per Flugzeugm, große Autos und Häuser etc.

Die Gesellschaften des früh industrialisierten Nordens seien strukturell auf Externalisierung, also Ausbeutung und Schädigung, des „agrarisch geprägten Südens“ ausgerichtet. So habe allein Deutschland auf einer Fläche Hessens seine Soja-Produktion nach Argentinien ausgelagert, um es preisgünstig für Biokraftstoff, Nahrung für Vegetarier und Tierfutter für unsere Fleischproduktion zu verbrauchen. Und China, die USA, England oder Frankreich machten dort dasselbe.

Die Folgen: Argentinien ist vom Fleisch- zum Soja-Produzenten abgestiegen, die Monokulturen zerschlagen kleinbäuerliche Strukturen und beschleunigen die Verelendung in den Zentren. Außerdem zerstören Herbizide und Pestizide das ökologische Gleichgewicht und die Abholzung der Regenwälder wird beschleunigt, weiI den wachsenden Bevölkerungen Anbauflächen für die eigene Ernährung fehlen.

„Die Globalisierung schließt nicht die Lücke, wie einige behaupten, sondern vergrößert sie“, doziert Lessenich eloquent vom Ambo der Stadtkirche. Und: Das Kernproblem seien nicht die acht reichsten Multimilliardäre dieser Welt, die bereits die Hälfte dieser Welt besäßen, sondern das Verhalten jedes einzelnen Konsumenten. Der Soziologe zu den Kirchgängern: „Jeder, der hier sitzt, ist Profiteur des Systems. Und wir lagern das Bewußtsein über diese Prozesse permanent aus, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben.“

Wir bräuchten ein neues Bewußtsein für unsere Handlungsoptionen, um unser Verhältnis zu unserer Mobilität, Ernährung oder Bekleidung zu reflektieren, denn „die Bürger dieser Gesellschaft haben in Wahrheit eine machtvolle Position.“ Der Habitus der Beharrung sei in den gesellschaftlichen Strukturen verkörperlicht, in Konventionen, die wiederum den Habitus prägen.

Individueller Verzicht verändere diesen gesellschaftlichen Habitus ebenso wenig, wie die Energiewende, die suggeriert, man könne „dann ökologisch weitermachen wie bisher“, zitiert Lessenich den US-Amerikaner Timothy Mitchell. Es brauche stattdessen politische Veränderungen, die ein anderes, ethisches Handeln habituell machten. Schließlich komme „die Externalisierung zunehmend nach Hause“.

Als Beispiele nennt der Referent „die ersten zwei Millionen Flüchtlinge, die schon da sind“. Weltweit seien aber bereits 60 Millionen auf der Flucht und die Abschottung der europäischen Grenzen werde immer martialischer. Auch der Klimawandel komme zunehmend in Europa an und „viele von Ihnen kennen von zuhause die Pflegearrangements die wir mit Osteuropäerinnen eingehen.“ Auch dies sei Externalisierung, weil diese Frauen und Mütter zu Hause in ihren Familien und Volkswirtschaften fehlten.

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Konstantin Wecker: Poesie und Widerstand

020 Konstantin WeckerEin geradezu spirituelles Erlebnis, das dank rund sieben Zugaben knapp 3,5 Stunden dauerte, war das Konzert von Konstantin Wecker diesen Freitag im Münchner Zirkus Krone. Unter dem Motto „Poesie und Widerstand“ spielte der seit Juni 70-Jährige, begleitet von einer grandiosen Band samt Streichern, viele seiner Lieder, die gleichermaßen von Liebe wie Trotz und eben Widerstand künden.

Dazwischen rezitierte der große Entertainer mit der noch immer so fulminanten Stimme Passagen aus seiner jüngst erschienen Biographie und streute höchst lyrische Gedichte ein, die er in den vergangenen Jahrzehnten verfasst hat, und die an Aussagekraft und Intensität in ihrer Schlichtheit seither eher gewonnen haben. Eben genau das macht den Meister aus, der in kleinen Verhältnissen in München geboren wurde.

Besonders berührt haben mich seine Erzählungen über seinen Vater, der als Maler und (Opern-)Sänger wenig erfolgreich war. Der Vorteil für den Sohn: Der Vater war mangels Engagements viel zu Hause und konnte schon früh die Musikalität und pazifistische Gesinnung des Filius‘ fördern. Im „klassischen Sinne“, so Wecker, sei sein Vater „ein Loser“ gewesen. Vermutlich rühre seine Sympathie für die vermeintlich Schwachen daher, so der Musiker. Die „Verlierer“ seien vermutlich einfach „nicht brutal genug“, sich ihren Anteil am Kuchen zu holen, so seine Interpretation.

Außer „Willy“ fehlt vor gut 2000 Besuchern im intimen Rund der Zirkuskuppel kaum ein Hit des Utopisten, der durch und durch pazifistisch-anarchistisch denkt und singt. Und gerne lasse ich mich auf seine Vision einer friedvollenWelt ein, für die er mit seinen Liedern, Statements und Konzerten, die mich atmosphärisch an Kirchentage erinnern, ja auch Wichtiges leistet. Und doch sehe ich manches differenzierter, nicht zuletzt, weil auch ich nicht mehr 24, sondern 54 bin.

In Summe geht es mir aber wie vielen im Publikum, durch deren dicht gestuhlte Reihen er am Ende, Friedenslieder singend, geht: Ich habe den Eindruck, seine Texte hat er für mich geschrieben. Und mit seinen unentwegten Botschaften und Appellen, den Rassisten und Nationalisten Widerstand zu leisten; den aufrechten Gang beizubehalten, auch wenn man der Einzige ist (oder zumindest der Erste); und auf die Kraft der Liebe zu vertrauen, das trifft schon sehr mein Lebensgefühl und das offenbar vieler anderer, die sich in ihrem Alltag um Nächstenliebe und Ökologie bemühen.

Konstantin, Dein Konzert war ein großes Geschenk für mich. Und danke, Christian und Renate, dass ihr mich dazu angestiftet und begleitet habt. Mein benediktinischer Freund Albert (OSB) lebt seit bald 50 Jahren in Beuron „ora et labora“; ich seit dem Abitur und der katholischen Jugendarbeit „Mystik und Politik“ bzw. „Kampf und Kontemplation“. Dein Thema „Poesie und Widerstand“ trifft diese Dualität, in der es meine Lebensaufgabe bleibt, in die richtige Balance zu kommen.

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