Mein Buchtipp: Untenrum frei

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Lesenswertes Buch über Frauen-Emanzipation, die zugleich auch Männer-Emanzipation ist: Nicht nur der anstößige Titel gibt Anstöße zum Weiterdenken. FOTO: FROMM

Auf das Buch von Margarete Stokowksi „Untenrum frei“ bin ich durch Zufall gestoßen. Und während mich der Titel als reißerisch eher abstieß, las ich bereits einen Halbsatz weiter, dass die 30-jährige Autorin Kolumnistin bei taz und spiegel-online sei, was mich wiederum neugierig machte. Denn erfolgreiche junge Kolleginnen finde ich interessant.

Die Rezension in der Stuttgarter Zeitung animierte mich, das Buch zu kaufen, um es meiner knapp 18-jährigen Tochter zu schenken, geht es doch um Emanzipation und die Entlarvung männlicher Dominanz, die noch immer – allerdings subtil- massiv in unserer Gesellschaft präsent ist. Neugierig las ich die 230 Seiten binnen Tagen selbst mit großem Gewinn.

Denn die 30-jährige gebürtige Polin analysiert messerscharf, wie (wir) Männer durch Konventionen (Erziehung, Katholizismus etc.) Frauen klein halten. So beschreibt sie, wie sie als Vierjährige vom Fahrrad fiel. Den aufgeschürften Arm ließ sie sich aufwändig verarzten, die Schmerzen zwischen den Beinen aber verschwieg sie, weil sie den Ort nicht beschreiben konnte. Die Scham ließ erstmals grüßen.

Süffisant sezessiert sie, wie Mädchen- und Frauenzeitschriften die Unterwerfung der Frau zum Ziel haben. Denn die Heftchen konditionieren Frauen darauf, sich auf ihr Äußeres zu reduzieren („Hilfe, ich bin zu dick!“) und ihrer „Problemzonen bewusst“ zu werden. Oder sie bekommen ständig vermittelt, wie sie den Mann befriedigen. Aber nahezu kein Heft ermutigt junge Frauen, den Blick auf die eigene Befriedigung zu lenken oder darauf, mit Männern auf Augenhöhe zu verhandeln.

An einigen Stellen entlarvt das Buch auch meine Haltungen, wenn es etwa um sexuelle Orientierung geht oder Gender-spezifische Erziehung: Mädchen bremse ich eher (Schutz) und Jungs ermutige ich eher (Risiko). Die Lektüre macht mir deutlich, dass ich noch immer mit zweierlei Maß messe. Und dass es in meinen Beziehungen auch so war, dass mit der Geburt eines Kindes die Rollenfixierung nahezu klassisch wurde.

Meiner Tochter schenke ich das (gelesene) Buch zum morgigen Nikolaustag. In der Hoffnung, dass auch sie es liest und einiges besser macht als ich. Vor allem achtsamer und ideologiefreier. Denn eines weiß ich auch: Mit einer emanzipierten Frau auf Augenhöhe haben erwachsene Männer viel mehr Spaß als mit einem konditionierten Mäuschen oder einer weltfremden Prinzessin. Danke, liebe Margarete, für Ihr lesenswertes Buch.

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Konsum: Quadratur der Schizophrenie

Bereits zum wiederholten Mal gefällt mir ein Werbevideo von Edeka, das emotionalisiert und eine ethische Botschaft wie das aktuell hier gezeigte auf den Punkt bringt. Als Medienprofi kann ich nur bestätigen, dass dieser Weg der sympathischen Präsenz klug und richtig ist. Denn dass der Lebensmittler für gute Produkte und kompetenten Service steht, braucht man nicht mehr thematisieren.

Demnach ist das Video eine sympathische Erinnerung daran, dass es Edeka gibt – in Abgrenzung zu Rewe, Aldi & Co., die alle auch Umsätze machen wollen. Und da beginnt für mich die Schizophrenie: Edeka thematisiert im Video, Eltern sollen sich Zeit für ihre Kinder nehmen. Selbst aber weiten sie die Öffnungszeiten – im Wettbewerb mit Rewe, Aldi & Co. – bis 21 Uhr und später aus, einschließlich samstags. So bleibt Familien (noch) weniger gemeinsame Zeit.

Mehr noch: Die meisten von uns sind übergewichtig, die Kühlschränke immer voll und viele Lebensmittel werden weggeschmissen. Da wäre eher die B0tschaft angesagt, mal drei Tage gar nicht einkaufen zu gehen oder ein Jahr lang (!!!) keine Textilien zu kaufen, um Ressourcen (und Geld, das zuvor durch Nebenjobs dazuverdient werden muss) zu sparen und sich bewusst zu machen, wie viel (zuviel) man hat. Das wäre Pädagogik.

Aber der Widersinn hat noch viel mehr Methode: Vor zwei Wochen war ich beim Energiekongress des Einzelhandels in Köln.  Dort referierten Energiemanager von Aldi, C&A oder Shoppingcenter-Betreibern wie ECE wie sie Energie sparen oder regenerativ erzeugen, um das klimaschädliche CO2 einzusparen. Letztlich geht es hierbei nämlich um das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten. Das wäre wahrlich ein wichtiges Weinachtsgeschenk, wenn uns das gelingt.

Und tatsächlich leisten die Verantwortlichen teils Erstaunliches. Doch andererseits werden viele CO2-Einsparungen durch wachsende Konsumansprüche (noch mehr Kühltheken, Backshops, Videowände etc.) nahezu neutralisiert. Und wenn man dann hört, wie etwa Beleuchtung von „Lightning-Managern“ eingesetzt wird, um satte Verbraucher, die nichts brauchen, zum Stoppen und Zugreifen zu bringen, frage ich mich schon, wie pervers und dekadent unsere Spezies ist.

Da referiert die Sustanability-Verantwortliche der marktführenden Shoppingcenter-Kette, wie die Hamburger nachhaltig bauen und über Steuerungstechnik etc. CO2 einsparen. Und niemand im Saal – oder die Referentin selbst – kommt auf die Idee, mal zu hinterfragen, welchen Geschäftszweck diese Konsumtempel verfolgen: Nämlich Menschen permanent zu verführen und zu manipulieren statt zu informieren oder gar zu bilden.

Zum Beispiel darüber wie Ausbeutungsstrukturen von Filialisten entlang der gesamten Wertschöpfungskette funktionieren, um T-Shirts und Hosen, die keiner braucht, für fünf Euro in ihren Stores zu verkaufen. Oder darüber, dass nicht Erwerb und Besitz glücklich machen, sondern Beziehungen und Gemeinschaft. Wir sollten uns gegenseitig bei Letzterem unterstützen statt beim Ausbeuten. Frohe Weihnachten. Hoho-hohoooo.

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Stadtführung für meine ehemaligen Pfadfinder

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Doppelte Begegnung mit der Vergangenheit: Neckarsulmer Pfadfinder aus meiner Kindheit haben am Samstag in Schorndorf eine Stadtführung auf den Spuren Gottlieb Daimlers unternommen. FOTO: FROMM

Karl-Otto Völker, ein Schorndorfer Urgestein und exzellenter Kenner der Stadtgeschichte, hat am Samstag für Neckarsulmer, mit denen ich in Kindheit und Jugend bei den katholischen Georgs-Pfadfindern war, eine Stadtführung gegeben. Seine Spezialität: Im Outfit Gottlieb Daimlers führt der 70-Jährige durch dessen Geburtsstadt (1834-1900).

So kam Daimler als zweiter Sohn einer kinderreichen Bäcker- und Gastwirtsfamilie zur Welt und machte nach dem Realschulabschluss ab 1848 eine vierjährige Ausbildung zum Büchsenmacher, ehe er im Elsaß in Geislingen, in England und bei Deutz in Köln arbeitete. Dadurch spach er Englisch und Französisch, hatte Eindrücke von der Industrialisierung und mit der Abfindung von Deutz das Startkapital für seine Selbstständigkeit.

Denn der begnadete Zeichner wollte – im Gegensatz zu Otto Benz in Karlsruhe – in Bad Cannstatt wohnend einen Universalmotor entwickeln, der zu Land, zu Wasser und in der Luft Mobilität ermöglicht. Zusammen mit dem begnadeten Ingenieur Wilhelm Maybach gelang ihm dies auch, wenngleich er verarmt starb. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise musste die Marke Daimler übrigens 1924 auf Druck der Banken mit der Marke Benz fusionieren. Sitz der Firma wurde Untertürkheim.

Nach 90 kurzweiligen Minuten Führung, die im Geburtshaus Daimlers endete, gingen wir auf dem Schorndorfer Weihnachtsmarkt, der just am Samstag eröffnet hat, noch eine Wurst essen und einen Glühwein trinken. Den Neckarsulmer Pfadfindern fühle ich mich noch immer eng verbunden, wofür solche Anlässe hilfreich sind, diese Beziehung zu leben.

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Nina Scheer: Keine Alternative zur Energiewende

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Die Energiewende ist auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit: Nina Scheer (2.v.r.) war Zugpferd der Podiumsdiskussion des Solarvereins Rems-Murr. FOTO: PRIVAT

Die Energiewende muss über die Einkommenssteuer finanziert werden und nicht wie bisher über eine Vielzahl an Umlagen, so der Tenor einer Diskussion. Das sei sozial gerechter und marktkonformer, um keine Anreize zu setzen, Abgaben zu vermeiden. Organisiert hatte die zwei Stunden mit 150 Zuhörern aus sieben Energiegenossenschaften im Landkreis der Solarverein Rems-Murr e.V. im Waiblinger Bürgerzentrum.

„50 Prozent der Bevölkerung wären von den Kosten für die Energiewende befreit“, rechnet taz-Redakteur Malte Kreuzfeld vor. Er möchte EEG- und Netzgelt-Umlage, die den Preis je Kilowattstunde (kWh) Strom binnen 15 Jahren auf fast 30 Cent verdoppelt haben, abschaffen und diese Kosten über die Einkommenssteuer finanzieren. „Die Lasten für das politische Ziel der Energiewende müssen gerecht verteilt werden“, so seine Argumentation.

Dazu gibt ihm ausgerechnet Esther Chrischilles Recht. Denn auch die Lobbyistin vom Institut der deutschen Wirtschaft sieht über den Stromverbrauch die Unternehmen im globalen Wettbewerb der Standorte belastet. Nur vier Prozent der Betriebe seien von der EEG-Umlage, die 24 Milliarden Euro pro Jahr einbringt, entlastet.

Dem widerspricht Nina Scheer, SPD-Bundestagsabgeordnete in Schleswig-Holstein. Die Tochter des früheren Rems-Murr-Politikers Hermann Scheer, der das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) Ende der 1990er-Jahre erfunden hatte, um das Stromsparen und die Energiewende zu fördern, hält an dessen verbrauchsorientierter Intention fest. „Die Frage ist doch nicht, was uns die Energiewende kostet, sondern was es uns kostet, wenn wir sie nicht machen.“

Sie hält eine CO2-Steuer dagegen, die fossile Verbrennung bepreisen würde: „Das wären zehn Cent je kWh, dann können wir die EEG-Umlage gerne abschaffen.“ Laut Scheer bezahlen wir diese schon heute in Form schwindender Lebensqualität und Gesundheit. Jörg Jasper, Energieexperte der EnBW, räumt ein, dass die Umlage-Thematik mittlerweile so komplex sei, dass auch „die Experten sie in Gänze nicht mehr verstehen.“ Für Investitionsentscheidungen fehle die Planungssicherheit.

In der lebhaften Diskussion merkte ein Redner an, dass auch auf die Umlagen Mehrwertsteuer erhoben wird. Andere wollten wissen, auf welche Technologien die Experten bei der Energiewende setzen; ob bei den Ausbauszenarien die e-Mobilität berücksichtigt ist oder ob Bürgerenergiegenossenschaften von dem Ausschreibungsprozedere ausgenommen sind, mit dem die Bundesnetzagentur den Zubau reglementiert.

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Oikocredit: Mikrokredite verändern die Welt

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Kurzweilige, Mut machende zwei Stunden beim Adelberger Männervesper: Helmut Götz (l.) informiert, wie Mikrokredite die Welt verbessern. FOTO: FROMM

Oikocredit vergibt Kredite an Kooperativen in Entwicklungs- und Schwellenländern, so in Peru, Kenia oder Indien. Beim Adelberger Männervesper erklärte Schatzmeister Helmut Götz, wie diese Darlehen lokale Wirtschaftsstrukturen in Gang bringen und Gerechtigkeit stiften.

„Die Betroffenen wollen kein Mitleid, sondern eine faire Chance“, sagt Helmut Götz. Der 73-Jährige war Vorstand der Heidenheimer Volksbank und ist seit knapp zehn Jahren Schatzmeister von Oikocredit. Die internationale Kreditgenossenschaft hat  der Ökumenische Weltrat der Kirchen 1975 gegründet, um die Armut in der Welt zu bekämpfen. Heute gehören dem Institut mit Sitz in Holland 589 Direktmitglieder an, darunter Kirchen, kirchliche Organisationen wie die Diakonie, Caritas oder Brot für die Welt sowie 30 Förderkreise mit weltweit mehr als 51000 Einzelmitgliedern.

Einer  dieser Förderkreise ist der 1978 gegründete Förderkreis Baden-Württemberg e.V., dessen Vorstand Götz angehört. Aktuell unterstützen in Baden-Württemberg 7000 Mitglieder die Arbeit von Oikocredit International. Binnen 40 Jahren hat Oikocredit 2,5 Milliarden Euro an Krediten vergeben, deren Laufzeit bis zu 15 Jahren geht. Aktuell sind 940 Millionen Euro an knapp 800 Partnerorganisationen in 71 Ländern vergeben. Die Mikrofinanzdienstleistung erreicht 46 Millionen Kreditnehmer. Diese sind oft in Gruppen gebündelt, um das Ausfallrisiko zu minimieren.

So bekommen etwa im Senegal sechs Frauen zusammen 200 Euro, um je eine eigene Geflügelzucht aufzubauen. Jede muss innerhalb von einem Jahr ihr Sechstel zurückzahlen. Fällt eine Kreditnehmerin aus, übernehmen die anderen fünf die Rückzahlung ihres Anteils. Deshalb liegt die Rückzahlungsquote bei nahezu 100 Prozent.

Auch bei Oikocredit sind die Ausfälle gering. Seit 2012 lagen diese zwischen 0,8 und  2,5 Prozent, was im Kontext der Risiken von Währungsschwankungen, Diktaturen oder Klimakatastrophen zu vernachlässigen sei, so Götz. Dass 86 Prozent der Mikrokreditnehmer Frauen sind, ist ihrer Verlässlichkeit geschuldet. „Die Frauen haben eine hohe Motivation, ihre Kinder durchzubringen und ihnen den Schulbesuch zu ermöglichen“, begründet der Heidenheimer, der selbst viele Länder bereist und Projekte besichtigt hat.

Entsprechend fließen Kredite in Photovoltaik-Projekte, damit die Frauen abends Strom und Licht haben, um noch arbeiten zu können. Oder es werden dringend notwenige Modernisierungen bei einer lokalen Kakao-Kooperative finanziert, um deren Wettbewerbsfähigkeit und Einkünfte zu sichern.
Weltweit beschäftigt Oikocredit 300 Mitarbeiter, die in dezentralen Strukturen die lokale Situation der Menschen kennen und die Kreditanträge bearbeiten. Diese erfolgt über Partnerorganisationen nach strikten Vorgaben: So müssen Menschen- und Arbeitsrechte oder der Umweltschutz eingehalten werden.

„Ein Grundübel sind Wucherzinsen“, sagt Götz, die durch knappe Ressourcen und ausgeprägte Machtstrukturen in Südamerika, Afrika oder weiten Teilen Asiens teils bei 100 Prozent pro Jahr liegen. Diese trieben Menschen in die Illegalität oder die Resignation. Nicht umsonst hat Wirtschaftsprofessor Muhammad Junus, der 2006 den Friedensnobelpreis erhielt, 1976 Mikrokredite mit Zinsen von 20 bis 30 Prozent in Bangladesch eingeführt und damit nachweislich die Lebenssituationen der Menschen verbessert.

Götz machte seinen knapp 20 Zuhörern im Adelberger Pfarrsaal in zwei spannenden Stunden Mut. Denn weltweit hat sich die Armut von 2000 bis 2015 in etwa halbiert, allerdings auch, weil 600.000 Chinesen durch das dortige Wirtschaftswachstum über die Schwelle von 1,90 Dollar pro Tag an Einkünften kamen. Und: Die Weltlandwirtschaft könnte sogar zwölf Milliarden Menschen ernähren, wenn die Ressourcen anders und gerechter verteilt wären.

Götz‘ Vortrag fiel auf fruchtbaren Boden: So wollen etliche Zuhörer Genossenschaftsanteile an Oikocredit erwerben, auf die in den vergangenen 25 Jahren in der Regel jährlich zwei Prozent Dividende  ausgeschüttet wurden. Auch viele Kirchengemeinden parken hier Teile ihres Geldes, das jederzeit wieder abrufbar ist. Pfarrer Tilman Schühle und Organisator Klaus Müller dankten dem Gast.

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Solidarisch Wohnen eine Frage der Haltung

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Fragen und Antworten werden immer konkreter: Die Pläne von Architekt Andreas Ocker überzeugen die SoLeWo-Interessierten, bei denen sich bereits beim zweiten Treffen ein Kern von Bauwilligen herauskristallisiert. FOTO: FROMM

Ein mittelalter Rollstuhlfahrer interessiert sich für eine barrierearme Drei-Zimmer-Wohnung „nicht im Erdgeschoss“, mehrere Rentnerpaare für 80 oder 100 Quadratmeter in „sympathischer Nachbarschaft in der Stadt“ oder noch konkreter „unterm Dach mit Südwest-Ausrichtung.“ Bis zu den Quadratmeterpreisen und konkreten juristischen Schritten werden beim dritten Treffen der Bauherrengemeinschaft SoLeWo Vorstellungen und Umsetzung konkret.

Erneut sind fünf bis sechs Bauinteressenten zum ersten Mal bei einem solchen Treffen, weil sie bei der Stadt Schwäbisch Gmünd oder von Freunden von der Initiative gehört haben. Zugleich kristallisiert sich im Bettringer Begegnungszentrum Riedäcker ein Kern Entschlossener heraus, die bereits zum drittenmal da sind. Die obligatorische Vorstellungsrunde im Stuhlkreis reduziert die Distanz; klärt, dass etliche im Ruhestand sind oder für die Zeit nach dem Auszug der Kinder planen.

So wird schnell klar, dass die meisten sogar Häuser mit großem Garten in Schwäbisch Gmünd und Umgebung zu verkaufen haben, um sich für den Ruhestand zu entlasten. Mancher ist beeindruckt, als Projektentwickler Reiner Kroll erzählt, dass er selbst in Karlsruhe in einer solchen Wohnform lebt, von denen der 56-jährige Architekt im Südwesten schon etliche mit zusammen 300 Wohneinheiten realisiert hat.

Nach Gmünd geholt hat ihn Uli Bopp, der als IT-Experte mit Erfahrung im Quartiermanagement SoLeWo kreiert hat, damit er den Findungsprozess der Bauherrengemeinschaft moderiert. „Solidarisch wohnen ist keine Frage des Alters, sondern der Haltung“, skizziert Bopp sein Credo, der die Neuen informieren möchte, ohne die Stammbesucher zu langweilen. Schon diese Situation zeigt, wie viel Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme von allen gefordert ist.

Damit das Projekt gelingt, so Bopp, dürfen nicht alle Bewohner gleich alt sein. Und die gegenseitige Hilfe basiert auf Freiwilligkeit. Für den großen Rest gebe es inmitten der Stadt viele Anbieter und Angebote, die die Bewohner auch gemeinsam nutzen könnten, um günstigere Konditionen bei besseren Services zu erzielen.

Wichtig ist Bopp, der mit Frau und Schwiegermutter selbst einziehen möchte, dass hier Gleichgesinnte wohnen, die über geteilte Werte sicher auch Freunde werden. Denn intakte Beziehungen, die Bopp „soziale Lebensversicherung“ nennt, und Barrierearmut beugten der Pflegebedürftigkeit vor. Ein Gemeinschaftsraum, Car-Sharing oder die digitale Infrastruktur seien weitere Pluspunkte von SoLeWo.

Kroll stellt klar, dass nicht er die Gruppe zusammenstellt, sondern diese sich bildet. Damit sich eine Planungsgruppe konstituiert, schlägt der Moderator vor, dass jeder zehn Euro je Quadratmeter, den er im Haus erwerben möchte, auf ein Treuhandkonto einzahlt. In Summe sind 820 Quadratmeter verfügbar, davon bislang 55 als Gemeinschaftsraum geplant. Damit stellt jeder Finanzier Verbindlichkeit her, verleiht seinen Positionen Gewicht und sendet zugleich Signale an andere aus, die diese ansprechen oder abstoßen.

Nach gut einer Stunde haben sich sechs Partner erklärt, diesen Weg gehen zu wollen. Auch liegen konkrete Zahlen vor: Demnach wird der Quadratmeter bezugsfertig 3800 Euro kosten zzgl. 200 Euro anteilig für den Gemeinschaftsraum. Zu diesen 4000 Euro kommen 6,5 Prozent Aufwand für Notar und Grunderwerb, wobei sich die Steuer nicht auf den Wohnraum, sondern den deutlich günstigeren Grund bezieht, „denn Bauherr sind Sie ja selbst“, wie Kroll betont.

Auf Nachfrage bestätigt der Moderator, dass der dadurch gesparte Betrag in etwa dem Anteil für den Gemeinschaftsraum entspricht. Zum Kauf des Grundstücks löst sich die Planungsgemeinschaft dann auf und gründet die Bauherrengemeinschaft, die kauft. Diese spart neben Steuern deshalb auch die Marge für den Bauträger und zahlt im Gegenzug gemeinsam den Architekten und den Aufwand für die Projektsteuerung und Moderation von Kroll und Bopp.

Bis 5. Dezember müssen die Planungsgruppen beim Gemeinderat ihren Antrag gestellt haben, der vermutlich Anfang 2017 das Topp-Areal vergibt. Diese Gruppe hat dann ein Jahr Zeit, ihre Pläne zu konkretisieren und das Grundstück zu erwerben. Dieses wird ohnehin erst im Oktober 2018 frei sein, da bis dahin noch Unterrichtscontainer des benachbarten Gymnasiums auf dem Areal stehen.

Bis dahin kann geplant und die Baufreigabe eingeholt werden. Um günstige Preise zu erzielen, werde der Architekt die Gewerke mit zehn Monaten Vorlauf ausschreiben. Fertigstellung sei dann idealerweise Mitte 2020. Am Donnerstag, 24. November, um 18 Uhr treffen sich die Interessierten und neue Interessenten im „Hirsch“ in Bettringen zum vierten Mal.

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Besuch bei einer herzensguten Persönlichkeit

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Zu Besuch bei Prof. Albert Höfer (l.): Seit mehr als 40 Jahren blind, hat der Vater der christlichen Gestaltpädagogik an seinem Wohnzimmertisch schon mit vielen Mit-Überzeugten diskutiert und Konzepte und Visionen entworfen. FOTO: FROMM

Tief berührt bin ich am Freitag von meiner kurzen Reise nach Graz zurückgekehrt, wo ich bei dem in Gestaltkreisen berühmten Albert Höfer übernachten durfte. Der 84-jährige Professor für Religionspädagogik hat 1983 die christliche Gestalttherapie begründet, die auf Fritz Perls basiert. In Graz gründete er das Institut für Integrative Gestaltpädagogik und Seelsorge (IIGS).

Das IIGS hat heute in der Rechtsform von Vereinen sechs Ableger in Deutschland, die regelmäßig zweijährige, nebenberufliche Ausbildungen zum Gestaltpädagogen anbieten, etwa für Erzieher, Religionslehrer oder heilende Berufe. Aber auch für Menschen, die einen intuitiveren Zugang zu sich selbst haben und sich besser kennen, verstehen und annehmen wollen.

Daneben gibt es Institute in Luxemburg, der Schweiz, der Solwakei und in Slowenien, wo man an der Universität von Ljubljana Gestaltpädagogik sogar studieren kann. Entsprechend verwundert es nicht, dass über Höfer bereits vier Dissertationen verfasst wurden. Dies ist eine späte Genugtuung für den weltzugewandten Theologen, der unter den Verkrustungen des österrechischen Klerus doch einiges zu ertragen hatte, wie er mir andeutete.

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Alberts Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit haben mich tief beeeindruckt.

Besonders beeindruckt war ich, wie der Theologe unter seinen nationalsozialistisch geprägten Eltern zu leiden hatte, die den sehbehinderten Jungen in ihrem Fanatismus trotzdem auf eine NS-Eliteschule schickten, wie es im gesamten Deutschen Reich offenbar nur 14 gab. Die Kunstlehrerin habe ihn für die Malerei und Bildhauerei des Mittelalters begeistert, sagt er, die fast ausnahmslos christliche Kunst gewesen sei.

Als 13-Jähriger, so erzählt Höfer, der schon bei der Begrüßung auf das Du bestand, habe er mit dem Fahrrad alle Kirchen seiner Salzburger Heimat abgefahren, um deren Altäre, Wand- und Deckenmalereien zu studieren. Als der Professor die ultimative Diagnose bekam, er werde in wenigen Jahren völlig erblinden, besuchte er noch viele kunsthistorische Sehenswürdigkeiten wie die Sixtinische Kapelle oder den Riemenschneider-Altar, um sie vor seinem geistigen Auge abzuspeichern.

Seit mehr als 40 Jahren völlig erblindet, lebt der Vater der christlichen Gestaltpädagogik mitten in Graz mit jeweils drei Studenten, die ihn in seiner Autonomie unterstützen. Bei meinem Besuch waren das zwei kroatische Studenten der Molekularbiologie und eine Ukrainerin, die Cello studiert. Über dieses Convivium hat Albert jede Menge Gesellschaft (und WLAN in seiner Wohnung) und Besuch seiner ehemaligen Mitbewohner, deren Zahl sich mittlerweile locker auf 40 belaufen dürfte.

Gekommen war ich, um mit Alberts engstem Vertrauten, Robert Michor, zu klären, ob wir 2017 gemeinsame Männerseminare in einem Selbstversorgerhaus bei Ellwangen anbieten wollen. Robert hatte u.a. bei Albert studiert und war ständiger Teilnehmer bei den kreativen Treffen in dessen Wohnzimmer, bei denen die Konzeptionen für Gestaltkurse seit 1981 diskutiert und entwickelt wurden.

Später wurde Robert Psychotherapeut und war 2010 bis 2012 mein Trainer, als ich beim IGBW in Untermarchtal die Ausbildung zum Gestaltpädagogen gemacht habe. Beide sind wir auch Mitglied bei MKP, wo sich Männer klären. Dritter im Bund bei den 2017er-Angeboten im Südwesten wird Chuck Le Monds sein. Der in Österreich lebende Musiker kam in Minnesota/USA zu MKP und ist im Verband legendär für seine Schatten-Arbeiten (Shadow work).

Für Albert war es eine Freude, dass an seinem Wohnzimmertisch die versöhnende, integrierende, klärende und heilende Arbeit für Menschen (in diesem Fall Männer) weitergeht. Für mich war es ein total gutes Gefühl, in dieser Energie mit authentischen Männern etwas Neues zu beginnen. Unsere Termine für die drei Kurswochenenden sind: 12.-14. Mai; 29.09.bis 01.10. und 06.-08. Oktober.

Bitte vormerken, weitersagen und idealerweise anmelden unter fromm@der-medienberater.de. Wir wollen die Wochenenden auf 15 Teilnehmer beschränken und werden mit maximal 350 bis 400 Euro (für TN, die das Seminar steuerlich absetzen können) je Person für Kost, Logie und Seminargebühr hinkommen. Details folgen.

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Kirche und Wirtschaft im Dialog in Pforzheim

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Engagieren sich, damit Kirchenthemen in den Medien stattfinden: Verleger Albert Esslinger-Kiefer (v.l.), Chefredakteur Magnus Schlecht, PR-Berater Leonhard Fromm, Bernhard Würfel und Pfarrer Ulrich Hilzinger. FOTO: PZ

Rund 20 Unternehmer aus dem Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in Deutschland, Regionalgruppe Württemberg, um Pfarrer Ulrich Hilzinger haben am Freitag bei der Pforzheimer Zeitung mit deren Verleger Albert Esslinger-Kiefer, deren Chefredakteur Magnus Schlecht und mir diskutiert. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Kirche heute in der Öffentlichkeit noch stattfinden kann.

Mit Bedauern hörte ich, dass die Zeitung ihre wöchentliche Kirchenseite u.a. deshalb abgeschafft hatte, weil die Kirchen zu wenig Input lieferten. Das deckte sich mit meiner Erfahrung aus zahlreichen kirchlichen Beratungen und Engagements. Während aber einige Teilnehmer dies von sich wiesen bzw. mehr Pressereferenten in Kirchenkreisen forderten, halte ich davon nichts.

Denn auch hier lehrt die Erfahrung, dass interne Kommunikatoren es vor allem ihren Vorgesetzten recht machen wollen statt sich als Dienstleister der Medien zu verstehen. Und in Kirchenkreisen, auch das weiß ich aus Erfahrung, sind Kontrolle und die Sehnsucht „gut dastehen“ zu wollen, größer als einfach wertfrei zu kommunizieren, was ist.

So antwortete ich auf die Frage, welche Medienstrategie ich der Kirche empfehlen würde: Gehen sie zu ihrer (Lokal-)Redaktionen; fragen Sie, wer für sie zuständig ist; erzählen sie, was bei ihnen so läuft und fragen sie den Redakteur, was ihn wie (z.B. als Anruf, Vorankündigung per e-Mail oder Nachbericht) interessiert. Dabei ist hilfreich, auch die Redaktionsrichtlinien zu erfragen, weil die Zeitungsmacher nach dem Gleichheitsgrundsatz verfahren.

Dass die Kirche genügend Themen hat, dürfte für Insider unstrittig sein. Allerdings braucht es dazu auch ein wenig Selbstkritik. Dann kann man z.B. Themen unter dem Blickwinkel anbieten, was Gemeinden tun, um ihren Bedeutungsverlust und ihre Überalterung zu stoppen. Oder wie sie Konflikte lösen. Spannend wäre auch die Recherche, wie in Kirchenkreisen die Migrationsthematik gesehen wird und was konkret dazu in Gemeinden getan wird (nämlich sehr viel).

Doch dann sollten auch kritische Stimmen zu Wort kommen und nicht nur die offiziellen Verlautbarungen. Denn ich weiß zum Beispeil aus Schorndorf, welchen Zoff wir hinter den Kulisse hatten, nur weil der Leiter der muslimischen Gemeinde in einem evangelischen Gottesdienst zu Wort kam. Für Redakteure und deren Leser sind aber vor allem Themen beliebt, die kontrovers sind.

Auch interessiert niemanden eine Lösung, wenn es zuvor vermeintlich kein Problem gab. Gerade die Kirchen, die vielen als nicht mehr relevant gelten, dürften hier kantiger in den Markt, um das Überraschungsmoment für sich zu nutzen. So übernehme ich bis Ostern nun eine Firmgruppe, obwohl ich fast keine Zeit habe. Aber ich möchte bei den 14-Jährigen einen überraschenden Eindruck von Kirche hinterlassen.

So werde ich von meinen beiden Scheidungen erzählen und die Jugendlichen fragen, wessen Eltern auch geschieden sind. Dann werde ich darüber sprechen, wie mir mein Glaube geholfen hat, dieses existenzielle Scheitern zweimal zu überleben. Beim nächsten Mal lade ich vielleicht meinen Bruder ein, damit er erzählt, wie es ihm ging, als seine Tochter an Krebs starb. Die Jugendlichen dürfen dann Fragen stellen. Vermutlich sind wir dann schon „mitten drin“.

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„Wohnqualität entsteht durch die Gemeinschaft“

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Faszinieren die Zuhörer im Nebenraum eines Gasthofes mit ihren Konzepten für solidarisches Wohnen: Rainer Kroll (v.l.), Sabine Weineck und Uli Bopp. FOTO: FROMM

Betriebswirt, Bankdirektor und Steuerberaterin sitzen mit Krankenschwester, Ergotherapeutin und Lehrerin in einem Stuhlkreis. Die Atmosphäre beim Ankommen und nun der Vorstellungsrunde ist freundlich-neugierig, aber zunächst auch reserviert, geht es doch letztlich um ein gemeinsames Bauherrenmodell und damit um viel Geld. Entsprechend sind die Erwartungen der 17 Teilnehmer groß, Details zum Wohnkonzept, den Kosten, der Rechtsform und dem Prozedere zu erfahren, wie sich am Ende die zehn, elf richtigen Partner finden.

Erstaunlich jung ist die Schnupperrunde dafür, dass es bei dem Wohnprojekt „Mörike-Park“ in bester Schwäbisch Gmünder City-Lage darum geht, dass man idealerweise bis an sein Lebensende darin bleiben kann. Ausgeprägte Nachbarschaftshilfe und Hightech-verkabelte Wohneinheiten, die im Bedarfsfall ohne Aufwand mit Sensoren, Bewegungsmeldern und Telemedizin-Monitoring nachgerüstet sind, sollen dies ermöglichen. Denn das letzte von drei Baufeldern wird auf diese Weise kultiviert.

Neben Ideengeber Uli Bopp, einem IT-Spezialisten aus Donzdorf, der den illustren Kreis in seinem sozialen Umfeld organisiert hat, präsentiert Rainer Kroll als Wohnprojektberater  aus Karlsruhe das Konzept. Der 56-jährige Kaufmann und Architekt hat mit seiner Firma „wohnprojekt-beratung und entwicklung“ vor allem im Südwesten von Deutschland mehrere solche Objekte mit 300 Eigentümern realisiert und Prozesse mit bis zu 120 Partnern moderiert.

Konkret geht es nun in Gmünd um ein städtisches Filet-Grundstück mit 900 Quadratmetern, auf das sich Bauherrengemeinschaften bis 5. Oktober bewerben konnten. Bopp tat dies kommissarisch, um das gemeinsame Projekt am Montag, 19. Dezember, im Gemeinderat präsentieren zu dürfen, der dann entscheidet. Die Folge: Bopp und Kroll brauchen bis dahin mindestens sieben Bauinteressierte, die gut 2000 Euro im ersten Schritt investieren, um das Vorhaben weiterzutreiben.

Denn das Duo ist schon jetzt deutlich in Vorleistung gegangen und es braucht noch viel gute Arbeit von Architekten. Daher soll das Risiko zwischen allen Beteiligten ab jetzt zumindest bedingt gesplittet werden, um Verbindlichkeit herzustellen und gegenüber der Stadt glaubwürdig zu sein. Krolls Erfahrung aus zehn Jahren mit solchen Projekten: „Wir brauchen 100 bis 200 Interessierte, um am Ende Bewohner für zehn, elf Wohnungen beisammen zu haben.“

Das Faszinosum für die Besucher, die beim ersten Treffen gebannt den sozialen, baulichen, kaufmännischen und juristischen Ausführungen folgen: Bislang seien nur zwei Projekte gescheitert. Und beide Male nicht an fehlender Nachfrage, sondern an äußeren Umständen wie etwa Mängeln am Baugrundstück. In Gmünd dagegen verkauft die Stadt das Areal deutlich unter Wert, möchte aber im Gegenzug ein bundesweit möglichst einmaliges Nutzungskonzept.

Daher ist Bopp mit seinem SoLeWo-Konzept (Solidarisch Leben und Wohnen), für das er zwei Drittel Interessenten aus dem Kreis Göppingen, Schorndorf oder Oberkochen in der ersten Runde sitzen hat, für das Areal interessant. „Der übliche Weg einer Immobilienvermarktung ist es ja, etwas vermeintlich Individuelles via Hochglanzprospekt anzubieten, aber letzlich ist das Interesse der Macher nur die Marge“, sagt Ex-BASF-Kaufmann Kroll, der schon für dm-Gründer Götz Werner geplant hat. Er geht den umgekehrten Weg, wie der Abend im Nebenzimmer eines Gasthofs in Waldstetten belegt: Die Käufer passen sich nicht einem fertig geplanten Haus an, sondern gestalten es von Grund auf selbst.

„Die Entwicklung eines Gemeinschafts-Wohnprojektes erfolgt im Rahmen einer dialogischen Projektentwicklung“, beschreibt Kroll seine Methode. „Das Gespräch miteinander ist die beste Voraussetzung, dass sich die Beteiligten kennenlernen und eine gute und verbindliche Gemeinschaft bilden.“ Das Projekt gelingt demnach mit den Beteiligten, die miteinander können und wollen „Die Moderation ist deshalb wichtiger als die Planung“, sagt Kroll der zwar Architekt ist, aber als Moderator selbst nicht mehr plant. Er und Bopp haben für das Planen einen renommierten, ortsansässigen Architekten gewonnen, der dann die individuellen Kundenwünsche mit lokalen Handwerkern umsetzt.

„Wir werden trotzdem nicht teurer sein und sind auf lange Sicht definitiv günstiger“, prophezeit Kroll, der immer wieder Nachfragen aus der Runde zulässt, die teils seine Kollegin Sabine Weineck beantwortet. So seien von einer Eigentümergemeinschaft über eine Genossenschaft bis zur Aktiengesellschaft viele Finanzierungsformen möglich und anderenorts erprobt.

All diese Details, so wird den Interessenten immer klarer, entscheidet die Bauherrengemeinschaft gemeinsam nach Abwägung aller Details, Befürchtungen und Spezifika. Dasselbe gilt, unter welchen Bedingungen vererbt, verkauft oder vermietet werden darf. Auch das muss diskutiert werden und lässt sich regeln.

„Jedes Betreibermodell ist anders,“ sagt Kroll. Bauten etwa überwiegend junge Familien mit den auf sie abgestimmten Fördermitteln, werde die Rechtsform darauf angepasst. Kauften überwiegend ältere Barzahler, spiele dieser Aspekt keine Rolle. Dasselbe gilt für Größe und Zuschnitt der Wohnungen oder Proporz von Privat- und Gemeinschaftsflächen. Letztere umfassen bei anderen von Kroll projektierten Objekten Multifunktionsräume für Hausveranstaltungen, halb-öffentliche Cafés oder Gästezimmer.

In Karlsruhe entwickelte er mit beteiligten Bürgern ein mehrteiliges Projekt mit einem Gesamtvolumen von 100 Wohneinheiten und 30 Millionen Euro, das in drei Rechtsformen sogar Geschäftsräume für eine Arztpraxis, einen ambulanten Pflegedienst und eine Kita umfasst. Hier organisieren die Bewohner untereinander Kinderbetreuung, Nachbarschaftshilfe und Car-Sharing. Mit zwei Biobauern bestehen Kooperationen, die die Bewohner mit Naturalien beliefern. Im Gegenzug gärtnern diese dort teils mit und für Kinder finden erlebnispädagogische Aktivitäten auf den Höfen statt.

Bopp arbeitet in Gmünd seit 2010. In einer städtischen Immobilie organisiert er im Auftrag des Fördervereins Riedäcker in Bettringen Gemeinwesenarbeit. Dabei verknüpft er die Belange von knapp 60 Senioren, die von dem Träger Vinzenz-von-Paul betreut werden, und Anwohnern des Quartiers. Beide Gruppen führt er in kulturellen und sozialen Angeboten zusammen. Dabei vernetzt er generationenübergreifend die personellen Ressourcen von Kirche, Stadt und Sozialträger.

„Hier habe ich viel gelernt, etwa wie man Verträge gestaltet, Ehrenamtliche gewinnt oder dass sich Menschen im Alter verändern“, sagt Bopp, der auf Grund seiner Arbeit vielfältig mit der Stadt verbunden ist und deshalb seine Chance gekommen sah, als die Stadt das Bauherrenmodell ausschrieb. „Wohnqualität entsteht nicht durch das Gebäude, sondern durch die Gemeinschaft“, ist Bopp überzeugt, der selbst nach Gmünd in sein Objekt ziehen würde und die Schwiegermutter gleich mitbrächte.

In der offenen und lebhaften Diskussion zeigt sich an dem spannenden, intensiven Abend rasch das Spektrum menschlicher Vielfalt: Sehen die einen die Chancen, thematisieren die anderen die Risiken. Und wollen die einen über Baustandards diskutieren, ist den anderen wichtig, wie man Nähe und Distanz idealerweise in einer solchen Gemeinschaft auslotet.

Kroll bedauert, dass man nun diesen Zeitdruck hat, was die übliche Teamentwicklung erschwere. Andererseits hätten auch die fünf, sechs Mitbewerber, die Anfang Dezember ihre Konzepte öffentlich vorstellen, dieses Problem. An dem noch festzulegenden Samstag können sich Bauinteressierte Alternativen anschauen und ihren Anbieter noch wechseln.

Das anspruchsvolle Konzept, das sich Bopp unter dem Label SoLeWo hat schützen lassen, steht dann im offenen Wettbewerb. Dem Vernehmen nach gibt es mindestens 30 Interessierte, die dort jetzt schon kaufen und wohnen wollen. Bislang vor allem wegen der Lage. Das nächste Treffen, das Bopp und Kroll für Interessierte am „Mörike-Park“ ausrichten, findet am Montag, 24. Oktober, um 18.30 Uhr im Bettringer Begegnungszentrum, In den Riedäckern 31, statt. Dort, wo Bopp die Gemeinwesenarbeit macht.

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Eichenkreuzsport zeigt mehr Flagge

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Landesebene und Pfarreibasis verzahnen sich in Leonberg: Die Workshops des Eichenkreuzsports beim Jahresforum waren sehr praxisorientiert und boten den Teilnehmern konkrete Handlungsorientierung für ihre Vereinsarbeit. FOTO: FROMM

Integration von Migranten, Pressearbeit, Projektmanagement: Die Verantwortlichen in den 150 Ortsvereinen des Eichenkreuzsports in Württemberg wollen in der Gesellschaft mehr Flagge zeigen. In Leonberg haben sich nun 80 Delegierte beim diesjährigen Sport-Forum kundig gemacht und ausgetauscht. Einer der drei Referenten war ich.

„Wir haben eine Aufbruchstimmung erzielt und Strukturen geschaffen, die die Basis und die Führung besser miteinander verzahnen“, sagt Henrik Struve. Der 40-Jährige ist hauptamtlicher Geschäftsführer beim Eichenkreuz, dem evangelischen Sportverband. In Personalunion ist der Diakon auch Sportjugendreferent beim Evangelischen Jugendwerk Württemberg (EJW).

Der Kick kommt gerade recht. Seit Jahren leiden viele Ortsgruppen unter schwindenden Mitgliederzahlen, Überalterung und Bedeutungsverlust. „Wir machen einen super Job und keiner bekommt es mit“, sagt etwa ein Handball-Trainer im Workshop, in dem es um effiziente Strukturen geht. Auch wird es immer schwieriger, Ehrenamtliche für den Sportbetrieb zu interessieren.

Eine Schwierigkeit liegt darin, dass die Eichenkreuzsport-Strukturen komplexer sind als die eines klassischen Sportvereins und viele Mannschaften nicht am Liga-Betrieb des Württembergischen Landessportbundes (WLSB) teilnehmen. Letzteres aber ist oft Kriterium für die Berichterstattung der Lokalzeitungen, kläre ich die Teilnehmer auf.

„Bei uns steht nicht der Wettbewerb im Vordergrund, sondern die Gemeinschaft“, begründet Anastasios Leontopoulos diesen Unterschied. „Wir wollen Jugendlichen beibringen, dass man auch aus Niederlagen etwas lernen kann“, begründet der Leonberger EJW-Jugendreferent diese Haltung. Zudem sei Sport nur eine Möglichkeit, seine Persönlichkeit zu entwickeln.

Das wird im Workshop von David Scholz deutlich. Bei dem WLSB-Referenten für Flüchtlingsintegration holen sich rund 20 Teilnehmer Anregungen, wie sie in ihren lokalen Sportgruppen auf Migranten zugehen können und worauf dabei zu achten ist. „Als Christen gebietet uns die Nächstenliebe, diesen Schritt zu gehen, aber auch als Bürger dieses Landes ist es klug, dass aus Fremden bald Freunde werden“, sagt ein Übungsleiter. Und ein Schiedsrichter ergänzt: „Diese unverhofften Neuzugänge stärken unsere Vereinsstrukturen.“

Dass die Jugendarbeit im christlichen Sportverein viele Themen bietet, die auch für die Presse interessant sind, arbeite ich in meinem Workshop vor großer Kulisse heraus. So kann interessant sein, wie und warum ein Verein ein polizeiliches Führungszeugnis für seine Trainer eingeführt hat. „Damit kommen wir unserer Sorgfaltspflicht gegenüber den Eltern nach,“ sagt der Fellbacher Sportchef, dem die 15 Euro je Testat die Stadt bezahlt hat.

Ein anderer erzählt, was sie gegen Koma-Saufen unter jungen Leuten tun; wie sehr überfürsorgliche Mütter die Jugendarbeit behindern oder wie sie Ehrenamtliche für ihren Verein finden. Den Teilnehmern empfehle ich, in ihrer Lokalredaktion zu identifizieren, welcher Journalist für sie zuständig ist und ihm offen zu erzählen, welche Themen den Vereinsalltag begleiten.

Im Evangelischen Jugendwerk in Württemberg betreuen über 350 Haupt- und 53.400 Ehrenamtliche mehr als 300.000 Kinder und Jugendliche in 1400 Pfarreien. Hinzu kommen 100 FSJ-ler (Freiwilliges Soziales Jahr) in Pfarreien, die beim EJW angestellt sind. Unter dessen Dach sind 10.000 Sportler in 600 Gruppen in 150 Pfarreien im Eichenkreuz organisiert. Diese bilden in 48 Bezirken oft eigene Ligen und tragen Turniere aus.

Neben Wintersport sind vor allem Fußball, Handball, Volleyball und Indiaca populär. Vereinzelt auch Lauf- und Radsport. Neben dem Eichenkreuzsport gehören zum EJW vor allem der CVJM (Christlicher Verein junger Menschen) und Jugendgruppen in Pfarreien. Der Haushalt des EJW von zehn Millionen Euro finanziert sich zu je einem Drittel aus Mitteln der Evangelischen Landeskirche; öffentlichen Zuschüssen, Projektgeldern und Spenden; sowie Freizeit-/Bildungsarbeit und sonstigen Ersätzen.

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