Lebensqualität: Eine Frage der Wertschätzung

Will ist die Hauptattraktion einer Freakshow. Er lebt ohne Arme und Beine. Eines Tages wird Zirkusdirektor Mendez auf den jungen Mann aufmerksam. Zum ersten Mal erlebt Will, gespielt von dem Autor und Prediger Nick Vujicic, so etwas wie Wertschätzung. Er schließt sich dem „Butterfly Circus“ an und lernt, dass auch er nicht wertlos ist.

Der inspirierende und ermutigende Kurzfilm zeigt, wie wichtig gegenseitige Wertschätzung und Respekt füreinander sind. Zugleich ist Vujicic, der selbst ohne Gliedmaßen geboren wurde, auch im realen Leben ein Mutmacher: Denn wenn wir ständig auf unsere Defizite schauen, wachsen unsere Defizite. Wenn wir dagegen auf unsere Ressourcen und Potentiale blicken, nähren wir diese.

In diesem Sinn: Gute Unterhaltung und viel Vergnügen beim selbst ausprobieren.

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Bestseller: Mutige Abrechnung mit Mohamed

015 Mohamed-Buch
Schnell und verständlich zu lesen: Die kritische Auseinandersetzung mit Mohamed. FOTO: FROMM

Was das Christentum spätestens seit Karl-Heinz Deschners „Konzil der Buchhalter“ und Forschungsliteratur rund um den historischen Jesus bereits hinter sich hat, hat der Deutsch-Ägypter Hamed Abdel-Samad den Muslimen mit seinem Buch „Mohamed – Eine Abrechnung“ mit seinem gut 200 Seiten dünnen Taschenbuch serviert: Einen Beitrag zur Reflexion und Aufklärung.

Der Sohn eines muslimischen Gelehrten entfaltet in dem Spiegel-Bestseller die Biographie des 570 in Mekka als unehelichem Kind geborenen Propheten. Bereits als Sechsjähriger stirbt seine Mutter, womit er Vollwaise wird und fortan beim geliebten Großvater lebt, der wiederum zwei Jahre später stirbt. Abdel-Samad wählt neben der Quellenauswertung einen psychotherapeutischen Ansatz, um sich dem historischen Mohamed zu nähern.

So heiratet er 595 eine Unternehmerin, in deren Firma er zunächst Karawanenführer wird. In Summe hat der Prophet mehr als zehn  Frauen und während er in Mekka friedlich predigte und verlacht wurde, werden seine Positionen nach der Übersiedlung nach Medina und dem Aufstieg zur Macht unerbittlich und teils grausam. Immer wieder verweist der Autor auf den historischen Kontext, um Mohamed zu beleuchten, was ja auch bei der Analyse von Altem und Neuem Testament sinnvoll ist.

So postuliert Abdel-Samad, das fünfmalige Gebet pro Tag habe in Mohameds Wunsch nach Kontrolle seinen Ursprung. Auf diese Weise habe er seine Getreuen in kurzen Abständen um sich scharen und sich ihrer Loyalität versichern können. Bei den vielen rituellen Waschungen, die angesichts des Wassermangels in der Wüste die Nachfolge erschweren, vermutet der Autor einen Waschzwang Mohameds, für den er auch glaubt, Belege zu haben.

Desselben legt er nahe, Mohamed habe eine Art Epilepsie gehabt und in Verbindung mit den körperlichen Reaktionen habe er seine Eingebungen gehabt. Ohnehin habe der Religionsgründer vermutlich nicht schreiben können, so dass schon hier Diktier- und Übertragungsfehler naheliegen, für die das Buch einige Belege bietet. Vermutlich sei er auch Narzisst gewesen, was seine fehlende Empathie plausibel mache.

Schließlich gibt der Autor, der sich vom „strengen“ zum „liberalen“  Moslem gewandelt hat, eine Idee, worin die Abgrenzungstendenz der Muslime in den offenen Gesellschaften ihre Ursache haben könne: Der Spott abendländischer Kritiker über Gott und das Christentum empöre Muslime insofern, dass sie fürchten als nächstes werde auch ihre Religion beschmutzt. Die „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie oder die Karikaturisten von Charlie Hebdos scheinen dies zu bestätigen.

Die Intention dahinter: die eigene Religion schützen vor Verunglimpfung. Tatsächlich aber gehe es um eine kritische, reformatorische und exegetische Auseinandersetzung auch mit dem Islam, um letztlich in eine tiefere, spirituelle und damit friedlichere und erlöstere Ebene vordringen zu können. Ein gleichermaßen lesens- wie liebenswertes Buch, das in der aktuellen Lage doch auch einigen Mut erfordert, geschrieben, verlegt und empfohlen zu werden.

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Eurovision Song Contest & Revanchismus

Es mag eine steile These sein, aber der Eurovision Song Contest scheint mir schon deutlich mehr von politisch-taktischen Erwägungen geprägt zu sein, denn von musisch-kreativen Neigungen. Zwar sind Pop und Schlager nicht meine Genre, aber von Musik verstehe ich zumindest soviel, dass die deutschen Beiträge der vergangenen Jahre nicht schlechter waren als viele deutlich besser platzierte aus „Sympathieträger-Nationen“.

Kann es also sein, dass der Wettbewerb jährlich eine günstige Gelegenheit bietet, dem (über-)mächtigen Deutschland, das in Engineering, Exportüberschuss, EU-Politik, Fußball, Pro-Kopf-Einkommen, BSP etc. überall die Nase vorne hat, den Stinkefinger zu zeigen? Dass man unterschwellig assoziiert, die Nazi-Enkel und -Ur-Enkel können doch gar keine schöne Musik machen?

Dass Zypern Griechenland die Höchstpunktzahl gibt und die Griechen den Zyprioten, darauf kann man schon fast wetten. Die Ukraine gibt den Weissrussen zwölf Punke, egal wer singt. Und die Australier machen es mit dem Mutterland des Commenwealth ebenso. Und die Schweizer und Österreicher mit ihrem Minderwertigkeitskomplex gegenüber Deutschland können dagegen nach dieser Logik gar keine Punkte vergeben.

Und warum vergibt Irland als einzige von 42 (!!!) Nationen-Jurys überhaupt Punkte an den deutschen Song von Levina und dann auch noch gleich drei? Kann das mit den Waffenlieferungen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg an die katholischen Iren zusammenhängen, die dadurch britisches Militär banden? Ich fände spannend, hinter all dem Glamour und der vermeintlichen Leichtigkeit mal die nationalen Traumata anzuschauen.

Respekt für die Souveränität, mit der Deutschland immer wieder Sänger in den Wettbewerb schickt. Dieser Sportsgeist gefällt mir. Oder ist das am Ende auch nur ein Trauma, von den Nachbarn in Europa und der Welt endlich geliebt werden zu wollen? Mich erinnert das Gegockele des Wettbewerbs mehr an spielerisch getünchten Revanchismus.

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Performer stiehlt den Kollegen die Schau

008 Künstler-Talk 05.05.2017
Interessanter Talk (v.l.): Thomas Putze, Angela M. Flaig (verdeckt), Moderatorin Ariane Braun (Stuttgarter Zeitung), Andreas Schmidt, Hardy Langer und Ursula Quast. FOTO: FROMM

Im Mittelalter war Kunst exklusive Auftragsarbeit der Kirche zur Glaubensvermittlung. Die Künstler waren interessensgetrieben und die Skulpturen, Bilder und Fresken damit letztlich manipulativ. Deshalb stürmten die „Protestanten“ auch die Kirchen und zerstörten die vorhandene Kunst weitgehend als Akt der Emanzipation.

17 Skulpturen zieren im Rahmen des Luther-Jahres seit 1. April in zehn Metern Höhe nun wieder die seit der Reformation verwaisten Sockel der Schorndorfer Stadtkirche. Bis zur Finissage am 10. November finden sieben Begleitveranstaltungen statt, von denen ein Gespräch mit vier der 17 ausstellenden Künstler kürzlich im Altarraum der Kirche stattgefunden hat.

Im Beisein von 80 Besuchern wurde deutlich: Heutige Künstler mögen religiös sein, ihre Kunst ist aber meist ideologiefrei. Für Angela M. Flaig, in Kirchenkreisen etablierte Künstlerin aus Rottweil, gilt dies nicht. Für sie stehen die pflanzlichen Flugsamen, mit denen sie arbeitet, für Fortpflanzung und die Schöpfung per se. Sie ist in Schorndorf mit einer großen Röhre vertreten, die sie mit fixierten und verblühten Löwenzahn-Blüten befüllt hat.

In krassem Gegensatz zu ihr steht der Berliner Künstler Andreas Schmidt, der schon – an einen Bürostuhl gefesselt – durch Stuttgart gerollt ist oder in 30 Metern Höhe auf dem Ausleger eines Krans genächtigt hat. In Schorndorf ist er mit einer roten Fahne vertreten, auf der in schwarzer Schrift Mittwoch steht.

Seine Intention: Er will experimentieren und Selbsterfahrungen machen. Mit der Idee der Fahne hatte er zunächst Hemmungen, sich im Rahmen eines kirchlichen Projekts, auf das sich 100 Künstler bewarben, mitzumachen. Doch dann fand er den theologischen Unterbau: Mittwoch stehe für den Griechen-Gott Merkur und im englischen Wednesday sei noch der Wortstamm Wotan zu erkennen.

Seine These: Mit der Banalisierung der Wochentagsbezeichnung auf ihre Funktion, die Mitte der Woche, habe die Kirche das Heidnische verdrängt und die Kultur christianisiert. Die Flagge selbst steht für ein Bekenntnis. Hardy Langers Männchen, das ich hier im Foto schon gezeigt habe, sei kein Flüchtender, sondern ein Hörender, so der Schorndorfer Künstler.

Seine pinkfarbene Skulptur, die wie auf einem Sprungbrett steht, visualisiere seine Bereitschaft zum Risiko und spiegele letztlich seine biographischen Suchbewegungen wieder. Denn Langer ist getauft und konfirmiert, sei aber heute „eher auf Distanz zur Kirche“. Umso mehr freut ihn, wie nun Kunst und Kirche in diesem Projekt den Dialog suchen.

Mit Thomas Putze saß auch ein gelernter Landschaftsgärtner und studierter Theologe in der Runde, der bundesweit mit seiner Performance-Kunst sehr gut im Geschäft ist. In Schorndorf gehörte ihm bei der Vernissage die ganze Aufmerksamkeit, weil er sich nackt, nur eingerieben mit Sandstein-farbenem Lehm, für zehn Minuten in bitterer Kälte auf seinen Sockel stellte.

„Weil jede Skulptur ein Abbild ist und jede Art der Bekleidung eine Codierung, habe ich mich für die Nacktheit entschieden, obwohl das meinen pubertierenden Kindern furchtbar peinlich war“, sagt der per Bahn angereiste Stuttgarter. Die Aufregung um seine Performance erklärt er sich so, dass sich eben mancher wünsche, dass wenigstens die Kirche ein nicht-sexualisierter Ort bleibe.

Ursula Quast, die das Kunstprojekt initiiert hatte, betont, dass die Performance nicht in der Kirche, sondern an deren Außenfassade stattgefunden hat und Putze nichts Pornografisches gemacht habe, sondern lediglich unbegleitet war, wie Gott ihn schuf. Interessant sei gewesen, dass die Jury, die sich über drei Generationen und über mehrere Professionen erstreckte, einmütig war in ihrem Votum für diese 17 Künstler.

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„Gebrauchsanweisung für die Zukunft“

014 HirschmannMit großer Lust lese ich aktuell „Gebrauchsanweisung für die Zukunft – 5 Schritte, wie Sie Ihre Firma voran bringen“ von Vertriebs-Profi Wolf Hirschmann. Zwar habe ich das Meiste alles irgendwo schon gehört oder gelesen, doch der Inhaber der Marketing-Agentur slogan fügt es hier auf 300 Seiten so zusammen, dass ich auch nach einem konzentrierten Arbeitstag gut noch zehn, 15 Seiten verschlingen kann.

Mehr empfiehlt sich ohnehin nicht, weil sich das Gelesene auch setzen muss. Hilfreich sind die vielen Checklisten, die mit Fragen in die Reflexion der eigenen Unternehmung zwingen, oder die grau hinterlegten Textboxen, in denen quasi das Exstrakt für Schnellleser und „Überflieger“ steht. Letztere verpassen bei ihrer Hast aber manches Lesenswerte.

So hat mich das Scheitern von Charles Goodyear sehr angerührt, der bettelarm starb und doch den Grundstein für ein Imperium mit seiner Beharrlichkeit legte. Einfühlsam trotz aller Fakten hat der 58-Jährige, der beim renommuierten Haufe-Verlag  publiziert, viele Unternehmerviten skizziert und ausgewertet, um das Mysterium und Faszinosum des Unternehmertums zu extrahieren.

An vielen Stellen erkenne ich mich selbst wieder in meinen Selbstzweifeln, meiner Einsamkeit mit schwierigen Entscheidungen (die sich später meist zum Glück als richtig erweisen) oder meiner gelegentlichen Vermutung, nur von Ignorantenund Dilettanten umgeben zu sein. In diesem Sinn ist das Buch auch ein Therapeutikum.

Und da der FDP-Parteivorsitzende Christian Lindner ob der WAhlen in NRW jetzt und im September im Bund in aller Munde ist, ist auch ein Passus über das Scheitern in Hirschmanns Buch brandaktuell. So setzte der brilliante Kopf in der Phase der „new economy“ selbst ein Start-up, das sich mit Avataren in der virtuellen Welt befasste, binnn 18 Monaten grandios in den Sand, die KfW-finanzierte Moomax.

Ehrlich: Ich wusste das gar nicht. Was mir aber an Hirschmanns Buch gefällt, ist das Pladoyer für das Scheitern. Denn tatsächlich gelten Pleitiers in unserer Gesellchaft als Loser, denen wir in der Regel nicht über den Weg trauen und ihnen deshalb uch als Angestellte nur zögerlich eine Chance geben. In den USA dagegen, so Hirschmann, sind das – auf Grund ihrer Zusatzkompetenz – gefragte Kräfte.

Tatsächlich hatte ich 2001 bei meiner Gründung auch am meisten Angst vor dem Scheitern – und der Häme. Glückwunsch, Wolf, ein leseswertes Buch. Und Respekt für die Disziplin, mit der Du es geschrieben hast. Die hätte ich nicht, obwohl mir Schreiben wirklich leicht fällt.

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Oikocredit: Strategie für mehr Gerechtigkeit

013 Oikokredit mit GF
Die Mitglieder diskutieren kontrovers die Erwartung künftiger Dividenden: Am Pult der Vorsitzende Dr. Dieter Heidtmann und in der Mitte Schatzmeister Helmut Götz. FOTO: FROMM

Mit 125 weiteren Stimmberechtigten habe ich am Samstag an der Mitgliederversammlung des Fördervereins von Oikocredit Baden-Württemberg teilgenommen, der im Mai 2018 sein 40-jähriges Bestehen feiert . Der Verein umfasst aktuell 7323 Mitglieder (+ 470 binnen eines Jahres), die zusammen Genossenschaftsanteile im Wert von 132,6 Mio. Euro (+14,3 %) bei der internationalen Kreditgenossenschaft halten.

Insgesamt gibt es bundesweit acht solcher Fördervereine, die zusammen 24.752 Mitglieder (+5,2%) und 439 Mio. Euro (+12,8%) Einlagen haben. Damit sind die Baden-Württemberger mit im Schnitt 18.000 Euro Einlage je Person der stärkste Förderkreis bundesweit und die Deutschen innerhalb von Oikocredit die wichtigste Nation. Denn in Summe ist Oikocredit mit 1,2 Mrd. Euro (+17,8%) die weltweit größte Nicht-Regierungsorganisation in diesem Segment.

Oikocredit finanziert weltweit Mikrokredite für Frauen, die anders nicht an Kapital kämen. Gegründet wurde das Institut seinerzeit im Kontext des Weltkirchenrats. Die Hälfte der Kredite werden noch immer nach Südamerika vergeben. Mit 22 Prozent folgen Asien und mit 18 Prozent Afrika, wo sich das Engagement binnen dreier Jahre verdoppelt hat.

Aktuell liegt der Schwerpunkt territiorial auf Afrika und inhaltlich traditionell auf Existenzgründungen (78%). Immer sichtbarer aber werden strategische Investitionen in Landwirtschaft (15%) und erneuerbare Energien (4%), um strukturelle Veränderungen zu organisieren. Das Ziel für 2017, so der neue Vorstandsvorsitzende von Oikocredit International, der Niederländer Thos Gieskes, ist ein Wachstum von zehn Prozent. Noch wichtiger aber sei, die Bank zukunftsfähig zu gestalten.

Denn schon heute drücken niedrige Zinsen und Digitalisierung der Bankenbranche auf den Ertrag, der nur durch den Sondereffekt des Verkaufs einer Beteiligung in Kambodscha, was 22 Mio. Euro erbrachte, auf 27 Mio. Euro kam. Ohne diesen Effekt hätte sich der Überschuss gegenüber 2015 halbiert. Solche Sondereffekte durch Verkäufe werden immer wieder anstehen, da Beteiligungen strategisch ausgebaut werden.

Vor diesem Hintergrund diskutierten die Mitglieder kontrovers, ob sie weiterhin eine stabile Dividende von zwei Prozent wünschen, sofern der Jahresüberschuss das hergibt, oder diese senken und stattdessen lieber die Rücklagen stärken. Allerdings wehrten sich dagegen strategische Investoren, die bspw. die Rücklagen von Solarparks und anderen Genossenschaften hier parken und mit einer Dividende von zwei Prozent rechnen.

 

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Pulse of Europe: 100 Schorndorfer erstmals dabei

012 Demo für Europa
Premiere in Schorndorf: Gestern haben sich erstmals 100 Bürger auf dem Marktplatz versammelt, um für ein vereintes Europa die Stimmen zu erheben. Bis September soll das Treffen wöchentlich stattfinden. FOTO: FROMM

Mehr als 100 Schorndorfer sind gestern spontan zur ersten Pro-Europa-Kundgebung „Pulse of Europa“ gekommen, die europaweit zeitgleich immer sonntags um 14 Uhr stattfindet. In der Daimler-Stadt hatten Alt-Stadtrat Karl-Otto Völker (SPD) und die Künstlerin Dorothea Schütz die Initiative ergriffen, mit der bundesweit in bereits 70 Städten Bürger sich zu Europa bekennen.

Die gut halbstündige Veranstaltung auf dem Marktplatz, zu der etliche Teilnehmer mit Europa- und EU-Flaggen kamen, war so gestaltet, dass Völker kurz begrüßte, ehe der Vorsitzende der Partnerschaftsvereine, Thomas Röder, über seine Beweggründe sprach. So sei er 1972 das erste Mal in der französischen Partnerstadt Thulle gewesen, wo es damals auf Grund deutscher Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg noch viele Vorbehalte gab.

Rund zehn weitere Redner, darunter Oberbürgermeister Matthias Klopfer und der Vorsitzende der Naturfreunde, Klaus Reuster, ergriffen das Mikrophon und sprachen spontan über ihre Motive. Dabei ging es viel um Frieden in Europa seit 1945, Reisefreiheit und Wohlstand dank offener Grenzen, Völkerverständigung, Demokratie und Solidarität.

Bis zur Bundestagswahl soll das Treffen nun wöchentlich wiederholt werden, teils bei der Stadtkirche sofern der Marktplatz durch andere Veranstaltungen belegt ist. Auch sollten mehr Teilnehmer anderer Nationalität für die Kundgebung gewonnen werden, leben doch Menschen aus 100 Nationen in der Stadt mit ihren 40.000 Einwohnern. Auffallend war, daß das Gros der Teilnehmer 55 Jahre und älter war. So sollen auch mehr junge Leute für den Pulse of Europe geworben werden.

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Skulpturen: Kirche fragt Kunst

007 Kunst an der Stadtkirche2
Zwei von 14 Nischen an der Schorndorfer Stadtkirche: Künstler aus der gesamten Republik zeigen bis 10. November Werke, mit denen sie den christlich-gesellschaftlichen Dialog fördern wollen. FOTO: FROMM

500 Jahre nach der Reformation leistet auch die Evangelische Stadtkirche Schorndorf ihren Beitrag: Am 1. April wurden 14 Skulpturen an der Außenfassade des Gotteshauses enthüllt, dessen Nischen in zehn Metern Höhe seit dem nachreformatorischen Bildersturm leer geblieben waren. Nur fünf der einst mehr als 20 gotischen Heiligenstatuen haben den religiösen Übereifer überlebt.

Unsere Pfarrerin Dorothee Eisrich, die immer wieder pfiffige Ideen kreiert und diese beharrlich umsetzt, hatte im Frühjahr 2016 den Impuls, einen Wettbewerb bundesweit auszuschreiben und Künstler aufzufordern und einzuladen, diese Nischen zeitlich befristet im Jubiläumsjahr wieder mit Skulpturen zu besetzen. So sollte ein Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft entstehen, die Kirche in ihr Umfeld strahlen und Martin Luther gewürdigt werden.

„Welche Thesen würde Luther heute an die Kirchentür schlagen?“ fragte die Theologin angesichts des Flüchtlingsstroms gen Europa, des Klimawandels, des wachsenden Nationalismus, des weltweiten IS-Terrors und vieler anderer kriegerischer Konflikte. Sie sammelte 50.000 Euro für den Wettbewerb, installierte eine Jury namhafter Kunstexperten und aktivierte 14 Künstler zur Teilnahme.

Seither inspiriert die Ausstellung, die bis Herbst dauert, zum Rundgang um die Kirche. Info-Tafeln sowie ein Katalog geben Erläuterungen zu jedem Werk und jedem Künstler. Der Stuttgarter Aktionskünstler Thomas Putze stieg zur Vernissage nackt per Hubsteiger, eingerieben mit Sandsteinfarbe, in seine Nische, um bei Temerapturen um die sieben Grad zehn Minuten als lebender Säulenheiliger zu verharren.

Lokalmatador Hardy Langer hat ein pinkfarbenes Männlein geschaffen, das wie auf einem Sprungbrett von seinem Sockel weg in die Welt laufen will, die Nische hinterlegt mit einem Spiegel. Die Botschaft: „Wer ankommen will, muss weggehen.“ Gleich daneben eine Leuchtreklame, die (mich) an ein Bordell erinnert. Deren fortlaufender Text: „Wir wollen Wunder.“ Und daneben, eine rote Fahne, die an 1. Mai-Kundgebungen erinnert, mit der Aufschrift: „Mittwoch.“

Begleitet wird die Ausstellung bis zur Finissage am 10. November von sieben Vorträgen. Allein schon die bisherige Medien- und Besucherresonanz bis hin zu einem TV-Beitrag im SWR zeigt, dass die Kampagne den richtigen Ton trifft. So macht Kirche Spaß, sie hat Relevanz und regt zum Nach-Denken an.

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Rauminstallation als Kreuz-ver-dichtung

011 Heilig-Geist-Kirche
Ein kontinuierlicher Veränderungsprozess: Die Quader formieren sich seit Wochen zu einem Kreuz im Altarraum. FOTO: FROMM

Passend zur Fastenzeit hat der Vikar der Schorndorfer Heilig-Geist-Kirche mit zwei Ministranten eine Rauminstallation in dem Gotteshaus geschaffen, die bei Besuchern und Medien auf große Resonanz stößt. Die sieben aus Wellpappe gestalteten Quader, die in Bronzeoptik sehr massiv wirken, hängen seit Aschermittwoch in dem Sakralbau von der Decke.

Mehrfach haben sie seither ihre Position über den Kirchenbänken verändert und sind zunehmend Richtung Altarraum geschwebt, wo sie sich nun in der Karwoche zu einem monumentalen Kreuz verdichten. Intention der Künstler: Leben ist ein kontinuierlicher Prozess der Veränderung. Ein Weg des Kreuz-werdens, der untrennbar mit der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit verbunden ist.

 

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Tiefe Einblicke in digitale Zusammenhänge

20170324 Dr. Günter Renz und Schanbacher (l.)
Günter Renz (r.) referiert in Adelberg auf Einladung von Klaus Schanbacher (l.): Ungerechtigkeit destabilisiert die Systeme. FOTO: FROMM

Dass ein digitales 9/11 kommt, scheint unter Hackern ausgemacht. Spannende Einblicke in die Internetwelt von Big Data hat Günter Renz am Freitag beim Adelberger Männervesper vermittelt. Die lebhafte Diskussion zeigte,  dass der Vize-Direktor der Bad Boller Akademie den Nerv der 20 Zuhörer traf.

„Wir wissen immer mehr und verstehen immer weniger“, führte der promovierte Theologe seine Zuhörer in einen faktengespickten Vortrag ein, in dem er zunächst die Verschwendungssucht der Menschheit seit 1950 aufzeigte, die seither exorbitant ansteigt. Demnach verbauen wir heute 20 Milliarden Tonnen Beton pro Jahr, verbrauchen 300 Millionen Tonnen Plastik, der CO2-Gehalt ist auf 400 Teile je Million Partikel gestiegen, die Erde hat sich bereits um ein Grad erwärmt und der Meeresspiegel ist seit 1916 um 20 Zentimeter gestiegen.

Parallel sind Kindersterblichkeit oder Analphabetentum weltweit auf unter zehn Prozent gesunken, das Wachstum der Weltbevölkerung hat sich deutlich verlangsamt und trotz mehr Menschen weltweit sank der Anteil der Hungernden von einer auf 0,7 Milliarden. Nach Erfindung der Dampfmaschine, der Elektrifizierung und der Automobilisierung leben wir nun, so Renz, im Zeitalter der Digitalisierung.

Hatte es noch 75 Jahre gedauert, bis die ersten 100 Millionen Menschen ein Telefon nutzten, dauerte diese Durchdringung beim PC nur noch 16 Jahre, beim Internet zwölf Jahre, beim Handy acht Jahre und beim Smartphone knapp fünf.

Dank milliardenfach preisgünstig verfügbarer Rechner- und Speicherkapazität sind künstliche Intelligenz, Blockchaine und Bitcoins bereits Realität. „Transaktionen von Geld oder Immobilien sind so tausendfach dokumentiert, dass es keine Banken, Notare und Kataster mehr braucht. Und Autos fahren bald autonom“, verdeutlicht Renz die Folgen. Per Virtual Reality könne man dank Big Data technisch bereits einen Urlaub im Wunschland simulieren, was ein hohes Suchtpotential in sich berge, sich der realen Welt zu entziehen. Ohnehin werde es immer schwerer zu unterscheiden, was real und was simuliert ist.

Andererseits könnten sich Arbeitgeber in den USA bereits die DNA potentieller Mitarbeiter geben lassen, um diese auf etwaige Dispositionen oder Eignungen hin prüfen zu lassen. Schon gebe es einen illegalen Handel mit gestohlenen Gesundheitsdaten, die je Person zwei Cent bis 2,40 Dollar kosteten. Damit war Renz auch beim jüngsten US-Wahlkampf, den der Republikaner Donald Trump wohl auch deshalb gewann, weil er mittels Datenauswertung gezielt Wähler identifizieren lassen konnte, die noch unentschlossen oder leicht beeinflussbar waren.

Schließlich warf Renz in einem geradezu dramatischen, einstündigen Vortrag auch Charts an die Wand, die etwa visualisierten, welche arabischen Ölstaaten Agrarflächen in Afrika für sich nutzen oder wie umfangreich in Laos und auf den Philippinen für China produziert wird. Oder dass der Pro-Kopf-Fleischverbrauch je US-Bürger bei 100 Kilo und Jahr liegt, in der EU bei 64 Kilo und in Indien bei drei. Dabei trage der Weltfleischkonsum ähnlich dramatisch zum Klimawandel bei, wie die CO2-Emissionen.

„Je größer soziale Ungerechtigkeiten in einem System sind, desto instabiler werden diese“, leitete der Referent in eine engagierte Diskussion über, die Klaus Schanbacher moderierte und in der es viel um ethisches Handeln generell und um persönliche Statements ging.

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